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Buchmarkt : Wer Bücher nicht digital zerlegt, hat schon verloren

Steingewordene Zeugen einer großen Vergangenheit. Wird das Buch künftig nur sein, wenn es eine Datei ist? Bild: Wolfgang Ferchl

Elf Sparten der sogenannten Kreativwirtschaft hat das Bundeswirtschaftsministerium untersuchen lassen. In Frankfurt erklärte die Buchbranche nun, wo sie der Schuh drückt - das Urheberrecht kriselt, die Internet-Piraterie blüht.

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          Das Buch ist ein Kulturgut. Das Buch ist ein Wirtschaftsgut. Aber der Wirtschaft geht es nicht gut, das weiß man, deshalb muss der Staat etwas für die Wirtschaft tun. Und weil es nicht nur Automobilhersteller, Zulieferer und Banken gibt, ist das suchende Auge der Bundesregierung auf die sogenannte Kreativwirtschaft gefallen. Die verdient schließlich auch Geld, und gar nicht so wenig. Die unlängst vorgestellte Studie „Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland“ (F.A.Z. vom 19. Februar) unterscheidet elf Branchen von Architekturmarkt über Film- und Musikwirtschaft bis zur Game-Industrie.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          In einem Wanderzirkus von Hearings werden nun diese Branchen abgehört. Am Mittwoch machten Emissäre des Wirtschaftsministeriums und des Kulturbeauftragten Neumann (CDU) in Frankfurt, der viertgrößten Verlagsstadt des Landes, Station. Man nehme drei Dutzend Experten und Marktteilnehmer, setze sie einen lieben langen Tag in einen Raum und erkläre, man sei gekommen, „um zu lernen“, wie es Ingeborg Berggreen-Merkel, Abteilungsleiterin des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, tat. Das Thema sei auch andernorts als wichtig erkannt worden, in den Vereinigten Staaten und England etwa. Dass im Herbst gewählt wird, ist gewiss nur Zufall.

          Die Branche übt den Spagat zwischen Gutenberg und digitalem Universum

          Der Buchmarkt ist traditionell kleinteilig organisiert, dreiundneunzig Prozent der Martktteilnehmer sind sogenannte Kleinstunternehmer mit einem Jahresumsatz von bis zu zwei Millionen Euro. Sie erwirtschaften siebzehn Prozent des gesamten Branchenumsatzes, während die in Prozenten angeblich gar nicht messbaren Großen – immerhin mehr als dreißig Verlage mit einem Umsatz jenseits der fünzig Millionen Euro – fünfundfünfzig Prozent des Umsatzes einspielen. Die Wertschöpfung, erklärte der an der Studie beteiligte Christoph Backes, verlagere sich im Augenblick tendenziell von den Verwertern zurück zu den Urhebern.

          Die Branche ist aufgewühlt: mit einem Bein noch in der Gutenberg-Zeit mit Handdrucken auf Büttenpapier, mit dem anderen in der Netzgalaxis, in der ein gedrucktes Buch wie ein Fossil anmutet. Noch dreht sich vieles ums Althergebrachte, das machten die aufflackernden Urheberrechtsdebatten deutlich. Verleger Karl-Peter Winters (Dr. Otto Schmidt Verlag) machte sehr nüchtern deutlich, dass die Verlage im Kampf ums Urheberrecht, gegen die Netzpiraterie und für den Schutz geistigen Eigentums nicht aufgeben wollen – und dabei von der Politik Hilfe erbitten. Das Urheberrecht zu verschärfen, lehnt die Mehrheit ab, da das existierende nur durchgesetzt werden müsse. Doch gerade an der Stelle hakt es. Von rechtsstaatlichen Verhältnisssen im Netz träumen viele, derweil sich eine Download-Seite wie RapidShare einen Weltspitzenplatz erobert.

          Urheberrechte aufgeben oder durchfechten?

          Winters appellierte, man solle die Mehrwertsteuer für elektronische Produkte auf sieben (wie bei Büchern) beziehungsweise auf null senken, wenn man schon im Kampf gegen illegale Downloads so lendenlahm sei. Immerhin: Der Börsenverein stemmt sich mit seiner Libreka-Plattform, einem Volltext-Finder mit knapp hunderttausend lieferbaren deutschen Büchern, gegen die Übermacht von Google. Denn Google ist der Maßstab, so übermächtig scheint die Suchmaschine, dass dagegen kein nationalstaatliches Hearing-Kraut gewachsen ist. Und Protektionismus habe noch nie irgendetwas gebracht, sondern nur Innovation verhindert (Backes). Ohne Antwort blieb dabei die Frage, die „Börsenblatt“-Chefredakteur Torsten Casimir aufwarf, warum man sich dazu bequeme, „widerstandslos Rechtsbegriffe zu opfern“.

          Das ungute Gefühl, den Marktkräften ausgeliefert zu sein, konnte auch ein Durchhalteappell von Irene Pakuscher (Justizministerium) nicht lindern. Die Publikumsverlage leisten, wie der Vorstandsvorsitzende von Random House Deutschland, Joerg Pfuhl, ausführte, „erhebliche Investitionen in die neuen Technologie, die derzeit nicht refinanzierbar“ seien. Alarm aber auch auf Seiten der möglichen Kunden: Vierzig Prozent der Deutschen greifen nur noch selten oder nie zu einem Buch. Leseförderung sei, wie Marktforscher Michael Söndermann so schön sagte, „die offene Achillesferse“ überhaupt.

          Viele Fingerzeige Richtung Berlin

          Zum Finale trompetete der Hamburger Wissenschaftler Michel Clement, der Buchmarkt habe ein Marketing-Problem, weil er einen Schwarzmarkt zulasse, indem er die Bücher nicht digital anbiete. „Wenn es die Verlage nicht tun, tun’s die User.“ Nassforsch stellte er die gängigen Vertriebsformen in Frage: Clement zufolge müssen Bücher heute digitalisiert, in Einzelteile zerlegt, aufbereitet, mit Metadaten angereichert und dann individuell vertrieben werden. Physische Bücher ausdrucken werde man künftig so wie heute Fotos – sei es auf Billigpapier, sei es mit Ledereinband.

          Viele Fingerzeige also Richtung Berlin. Ob Kulturminister Neumann, der hauptsächlich von der Filmwirtschaft elektrisiert zu sein scheint, den Ruf vernehmen wird? Sein Referatsleiter Peter Grafe resümierte, „möglicherweise kann die Regierung gar nichts tun“. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

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