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Börne-Medaille für Reich-Ranicki : Feierstunde für einen gelassenen Jubilar

  • -Aktualisiert am

Routinier des Geehrtwerdens: Marcel Reich-Ranicki während seiner Dankesrede Bild: ©Helmut Fricke

In der Frankfurter Paulskirche nimmt Marcel Reich-Ranicki in einer anekdotenreichen Feierstunde die Börne-Medaille für sein Lebenswerk entgegen. Der Aufruf des Laudators Henryk Broder zum politischen Engagement für Israel sorgt für einen Moment der Irritation.

          Welche der Reden und Ständchen den großen Meister letztlich am meisten freute, war an seiner Miene nicht abzulesen, als ihm am Sonntagmittag in der vollbesetzten Frankfurter Paulskirche die Ludwig-Börne-Medaille für sein Lebenswerk verliehen wurde. Und höchstens jene, die in seiner unmittelbaren Nähe saßen, dürften in den Genuss jener legendären, zwar nicht sicht-, doch hörbaren Urteilsfindung gekommen sein, die Frank Schirrmacher, für das Feuilleton zuständiger Herausgeber dieser Zeitung, so treffend in seiner Rede auf Marcel Reich-Ranicki schilderte: Es handelt sich um eine Lautkulisse, „die vom Seufzen ins leise Zischen hinüberspielte, eine besondere Form des Ausatmens, die ein uneingeweihter Beobachter auch als Prusten hätte missverstehen können“. Zuverlässig hat sie alle dem Urteil entgegen Bangenden in Angst und Schrecken versetzt.

          In der Kunst des Sich-Loben-Lassens hat Marcel Reich-Ranicki in den vergangenen Jahrzehnten, da ihm zig Ehrendoktorwürden, Auszeichnungen und Preise verliehen wurden, einige Routine entwickelt. Dennoch markierte die heutige Feier innerhalb der sich immer noch steigernden Ehrungen einen neuen Höhepunkt. Ganz Frankfurt war ins Allerheiligste gekommen, um den „einflussreichsten Kritiker in der Geschichte der deutschen Literatur und weit darüber hinaus“, der vor wenigen Tagen seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert hatte, zu gratulieren. Dass die Paulskirche an diesem schwül-warmen Tag einer Sauna ähnelte, tat der Stimmung keinen Abbruch.

          Anekdotenreiche Feierstunde

          Weil Marcel Reich-Ranicki den Börne-Preis bereits 1995 erhalten hat, ersetzte die Verleihung der eigens für ihn kreierten Ehrenmedaille in diesem Jahr die reguläre Preisverleihung. Anwesend waren mit Reich-Ranickis Kritikerkollegen Joachim Kaiser und Hellmuth Karasek oder auch den Schriftstellerinnen Ruth Klüger und Eva Demski vor allem Repräsentanten der literarischen Republik.

          Mutiger Einwurf oder Missbrauch des Anlasses: Henryk Broder nutze seine Laudatio zur politischen Intervention

          Die Reden waren, zur Freude des Publikums, von Anekdoten gespickt. So berichtete Michael Gotthelf, der Vorsitzende der Börne-Stiftung, von Reich-Ranickis eher ergebener als enthusiastischer Reaktion, als man ihm von dem Ansinnen der neuerlichen Ehrung erzählt habe. „Meinetwegen!“ sei noch seine freundlichste Reaktion auf mögliche Rednernamen gewesen. Oberbürgermeisterin Petra Roth pries „unseren großen Frankfurter“ für seine produktive Verweigerung, Banalitäten zu erzeugen und dem Zeitgeist hinterherzulaufen. Gerade diese „Reflexion auf das Eigentliche“ tue in diesen Tagen bitter not.

          Broders kalkulierte Provokation

          Die Feierstunde geriet noch häufiger zu einem Fest des Anachronismus. Nachdem Harald Schmidt die wehmütig-leichte „Erinnerung an Marie A.“, eines von Reich-Ranickis liebsten Brecht-Gedichten, mit großer Eleganz vorgesungen hatte, würdigte ein beschwingter Thomas Gottschalk seinen Duz-Freund Marcel als „begnadeten Entertainer“ und einen „dringend benötigten Mahner und Erzieher“, der sich trotz seines Beharrens darauf, ein Außenseiter zu sein, mit seinem Wirken für die Literatur entschieden mehr Freunde als Feinde gemacht habe.

          Der Publizist Henryk M. Broder, Börne-Preisträger des Jahres 2007, machte der heiter-gelösten Stimmung vorübergehend ein Ende, als er Marcel Reich-Ranicki in seiner Ansprache energisch dazu aufforderte, die zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen, die ihm im Laufe seines Lebens in Deutschland zuteil geworden seien, nicht nur zu genießen, sondern seinen Rang als maßgeblicher jüdischer Intellektueller des Landes auch dazu zu nutzen, sich für Israel auszusprechen. Die hochpolitische Rede Broders, der einen Bogen von den Erfahrungen des Ehepaars Reich-Ranicki im Warschauer Getto während des NS-Regimes zur Zukunft Israels schlug und in der er sich von Reich-Ranicki unter anderem den Satz wünschte „Hört auf mit diesem Quatsch. Ich war im Warschauer Getto. Ich weiß, wie es da zuging. Verglichen mit dem Warschauer Getto ist Gaza ein Club Med“, erntete als kalkuliert provozierender, aber auch mutiger und notwendiger Debattenbeitrag Zustimmung, wurde von vielen Zuhörern aber auch als Missbrauch des Anlasses empfunden. Doch auch in dem erregten Getuschel nach Broders Schluss verzog der Jubilar keine Miene.

          Dass Noch-Ministerpräsident Roland Koch ebenso wie die Bundespolitik - mit Ausnahme von Erika Steinbach - durch Abwesenheit glänzte, war eigentlich nur insofern bedauerlich, als deren Personenschützer den ärgerlichen Auftritt jenes Mannes, der sich direkt nach Broder ans Rednerpult begeben konnte, um seine Forderungen nach einer Verfassungsänderung und der Direktwahl des Bundespräsidenten mehrere Minuten lang ungebremst zum Besten zu geben, wohl rascher und nachdrücklicher beendet hätten, als dies den sichtlich verwirrten und überforderten Organisatoren der Feierstunde gelang. Der Meister, in großer Würde und Milde die Gelassenheit in Person, hatte selbst für diesen unvorgesehenen Auftritt nur eine hochgezogene Augenbraue übrig.

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