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Bilanz der Lit.Cologne : Sehen doch wie normale Menschen aus

  • -Aktualisiert am

Vorleserin: Die Schauspielerin Nina Hoss bei der Lit.Cologne Bild: dpa

Die beste Lit.Cologne aller Zeiten ist zuende. Die Veranstaltung kann sich nur noch selbst Konkurrenz machen. Aber das will sie gar nicht. Auch in Richtung Frankfurter Buchmesse gibt man sich konziliant. Nur die Abschluss-Gala macht wieder Sorgen.

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          Am Ende tanzen die Käsemaden auf dem Tisch. Fürze feiern Karneval. Würste aus Glas, Eier aus Wolle: Die Welt steht Kopf am letzten Tag der Lit.Cologne, aber es ist nicht der gefürchtete Kölner Klamauk, der sich doch noch der elften Auflage des mit achtzigtausend Zuhörern wieder enorm erfolgreichen Literaturfestivals bemächtigt hätte, sondern das französische Mittelalter.

          Ralph Dutlis Präsentation absurd-poetischer Fantasien aus dem Arras des 13. Jahrhunderts, die er mit flatternden Lippen vorträgt, gehört gar zu den gelehrtesten Veranstaltungen, in der selbst Thomas von Aquin dank seiner Apologie des reinigenden Lachens seinen wohl ersten Lit.Cologne-Auftritt hat.

          Doch nicht nur das alte Europa war zugegen. Während Joschka Fischer das Ende der euro-amerikanischen Weltordnung prognostizierte, betonte der türkische Liedermacher und Schriftsteller Zülfü Livaneli, der zu seiner eben erschienenen Autobiographie von seinem Leben zwischen Flucht und Ruhm erzählte, (kein Geringerer als Mario Adorf lieh ihm die deutsche Stimme), welch glanzvolle Aura Europa für ihn nach wie vor besitze.

          Der französische Chansonnier Charles Aznavour las aus seinem Buch „Du bist so komisch anzusehn”

          Politischer als in den Vorjahren

          Erst dann, wenn aus der längsten Verlobung der Geschichte, jener der Türkei mit Europa („in den letzten zweihundert Jahren versuchte die türkische Gesellschaft, europäische Normen anzunehmen“), eine glückliche Ehe werde, setze in seiner Heimat eine wirkliche Wende bei den Menschenrechten ein. Zwar dürfe man dort inzwischen über beinahe alles offen reden, doch gegen willkürliche Verhaftungen sei niemand gefeit.

          Das Kölner Festival, bei dem es politischer und ethischer zuging als in den Vorjahren, ist erwachsen geworden - genau im richtigen Moment. Zu viel Comedy hätte einen üblen Nachgeschmack hinterlassen, wenn derweil der Großraum Tokio unterzugehen und ein Konflikt vor Europas Haustür in einen großen Krieg umzuschlagen droht.

          Trotzdem gab es in diesen zehn Tagen auch reinigendes Gelächter. Da war etwa der von trockenem Witz getragene Auftritt Moritz von Uslars in der proppevollen Kulturkirche. Als nach der ethnologischen Erkundung Ostdeutschlands die dem Autor bei den Eingeborenen ans Herz gewachsene Punkpopformation „5 Teeth Less“ auftrat, hörte man es raunen: „Sehen doch wie normale Menschen aus.“

          Es sind also nicht nur die großen Namen wie Charles Aznavour, Donna Leon oder Orhan Pamuk, die das Publikum ziehen. Eines der Erfolgsrezepte der drei Lit.Cologne-Erfinder Werner Köhler, Edmund Labonté und Rainer Osnowski, die allesamt mit der Literaturwissenschaft nichts am Hut haben, besteht in der Überschreitung des klassischen Lesungsformats.

          Was hat Netzer mit Literatur zu schaffen?

          Sie forcieren Diskussionen, Begegnungen, den Übergang in ein Konzert (auch die „Erdmöbel“ traten auf) oder choreographierte Hommagen (diesmal zu Mark Twain, zu Querulanten oder zu „Untenrumlyrik“), einfach, weil sie sich selbst nicht langweilen möchten - und es funktioniert. Die maximale Entfernung zur Literatur markierte der in Kooperation mit „Elf Freunde“ veranstaltete Abend, welcher klären sollte, ob Günther Netzer, wie Rudi Völler 2003 in Island unkte, wirklich „einen Scheiß“, nämlich „Standfußball“, gespielt habe.

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