https://www.faz.net/-gqz-zgp7

Bertelsmann Buchclubs : Die vier Säulen von Gütersloh

Schleichender Niedergang eines früher sehr erfolgreichen Geschäftsmodells: Club-Filiale in Düsseldorf Bild: dpa

Er schrieb eine der großen Erfolgsgeschichten der Nachkriegszeit: Der Bertelsmann-Lesering zählte Millionen Mitglieder in aller Welt. Das ist lange her. Jetzt hat der Gütersloher Konzern die Reißleine gezogen.

          2 Min.

          Drei Zielsetzungen hatte der 1950 Bertelsmann-Lesering nach Aussage seiner Gründer: „Auch dem minderbemittelten Leser die Welt der Bücher zu erschließen, dem Buchhändler die Betreuung zu überlassen und dem Dichter wieder eine Basis zu schaffen, die nicht nur vom Bestseller bestimmt wird.“ Die Geschäftsidee entpuppte sich bald als Verlagshuhn, das goldene Eier legt. Mit roten Bücherbussen rollte die Ware zu den Kunden, Vertreter besuchten die Leserinnen an der Haustür, eine Zeitschrift informierte vierteljährlich über Neuerscheinungen; Treuegaben festigten die Bande, später kam Freundschaftswerbung hinzu. An einen Austritt dachte damals kaum einer.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Denn der Hunger nach Ratgebern, nach schöner Literatur und Sachbuch war in den Nachkriegsjahren schier unstillbar. Denn die Portemonnaies waren schmal, aber groß genug für die Lizenzausgaben aus Gütersloh, die bis zu vierzig Prozent günstiger waren als die preisgebundene Konkurrenz im stationären Buchhandel. Kein Wirtschaftswunder, dass bald die mit Lederrücken sowie Goldschnitt und -schrift ausgestatteten Ausgaben zum festen Bestandteil deutscher Wohnzimmer gehörten. Vier Bücher im Jahr waren zu verkraften, finanziell wie geistig. Berühmte Autoren wie Ernest Hemingway, Knut Hamsun und Stefan Zweig waren dabei, und noch viel mehr heute vergessene wie John Knittel, Gwen Bristow, Hammond Innes und Han Suyin.

          Franz Beckenbauer outete sich als langjähriges Mitglied

          Schon im Oktober 1956 gab es einen Festumzug in Gütersloh, mit dem 1,6 Millionen Mitglieder gefeiert wurden. Patriarch Reinhard Mohn verordnete dem Lesering später eigene Ladengeschäfte und trieb die Internationalisierung voran. Nur Afrika, Indien und Südostasien fehlten auf der Landkarte. Aus dem Lesering wurde Der Club, der sich anschickte, China zu erobern. 1997 lief dort die zweistündige Fernsehshow „Mit dem Kaiser in China“: Franz Beckenbauer outete sich als langjähriges Mitglied. Zehn Jahre später ging das chinesische Abenteuer zu Ende.

          Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender Hartmut Ostrowski (Mitte), umrahmt von Random House-CEO Marcus Dohle (links) und Fernando Carro von der Direct Group

          Das in der Direct Group zusammengefasste Club-Geschäft kam unter die Fittiche des Spaniers Fernando Carro, aber auch er schaffte es nicht, den stetigen Sinkflug der Mitgliederzahlen zu stoppen. Durchhalteparolen, wie sie zuletzt Ende März geäußert wurden, gehörten seit einigen Jahren zum guten Ton der Bilanzpressekonferenzen. Sie konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach dem Ausverkauf vieler Firmenteile das Clubgeschäft nur noch sechs Prozent zum Konzernergebnis beitrug.

          Ende des Lernprozesses

          Nun hat man einen Schnitt gemacht: Die verbliebenen Aktivitäten der Direct Group in den deutschsprachigen Ländern, in Spanien und Osteuropa werden von Juli an von der Stabsabteilung Corporate Investments geleitet. Der Konzern ruht künftig auf nur noch vier Säulen - der RTL Group, Gruner + Jahr, Random House und Arvato.

          In der vergangenes Jahr erschienenen Festschrift „175 Jahre Bertelsmann: Eine Zukunftsgeschichte“ beginnt der Zeithistoriker Siegfried Lokatis das Kapitel über das Clubgeschäft so: „Die Erfolgsgeschichte der Königin der Buchgemeinschaften lässt sich rückblickend als die Geschichte eines Lernprozesses offenlegen.“ Am gestrigen Mittwoch ist dieser Lernprozess kurz nach Vollendung seines einundsechzigsten Lebensjahrs an sein Ende gelangt.

          Weitere Themen

          Darum ist die Forelle blau

          Patrizierhaus Meldegg : Darum ist die Forelle blau

          Überlingen feiert sich: Das Patrizierhaus Meldegg erklärt mehr als tausend Jahre Stadtgeschichte und legendäre Historienritte über den Bodensee.

          Topmeldungen

          Zusammenstöße im Libanon : Viele Verletzte bei Protesten in Beirut

          Tausende treibt die Wut auf die politische Führung des Libanon auf die Straßen. Demonstranten sollen das Außenministeriums gestürmt haben. Vermutlich fielen in der Stadt auch Schüsse. Ministerpräsident Diab schlägt vorgezogene Neuwahlen vor.
          Eine Reisende lässt am Hamburger Flughafen von einem Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) einen Corona-Test machen.

          Corona-Tests am Flughafen : „Viele schlüpfen durch“

          Am ersten Geltungstag der Corona-Testpflicht bleibt am Frankfurter Flughafen der Andrang vor den Testzentren aus. Doch für die Rückkehrer sind sie alles andere als leicht zu finden. Das führt zu Problemen.
          Ein Zaun umgibt die Flüchtlingsunterkunft.

          Flüchtlinge in Bonames : Hinter dem Zaun

          Früher galt die Unterkunft in Frankfurt-Bonames als vorbildlich. Seit einer Debatte um Kochplatten wird jedoch Kritik an den Lebensumständen der Geflüchteten laut. Ein Besuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.