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Autobiographie : Alice Schwarzer lacht es weg

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Die „frustrierte Emanze” hat es nie gegeben: Alice Schwarzer kokett
          5 Min.

          Fünfzehn glänzende Kapitel: ein getupftes Bild der Bundesrepublik und vom Paris der fünfziger bis siebziger Jahre. Eine Geschichte der beginnenden französischen und der westdeutschen, dann deutsch-deutschen Frauenbewegung. Eine berufs- und geschlechtersoziologische Studie. Das alles macht den biographischen Rückblick von Alice Schwarzer so unbedingt lesenswert, der jetzt unter dem Titel „Lebenslauf“ bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.

          Geboren 1942 in Wuppertal, wächst Schwarzer, Kind einer ledigen Mutter, in einem Mehrgenerationenviereck auf. Soziale Eltern, genannt „Papa“ und „Mama“, sind die Großeltern. Er zärtlich, fürsorglich und voller Geschichten, sie exzentrisch, freiheitsliebend, zuweilen anstrengend – aber auch unerschrocken und von hinreißendem Gerechtigkeitssinn. Beide politische, lebhafte Geister, die sich in der Nazi-Zeit nicht anpassen. Man hört Feindsender. „Spießig“ ist ein Schimpfwort.

          Der Berufswunsch Journalistin meldet sich laut und klar

          Nachkriegsdeutschland in der Nussschale: Eine Welt der Frauenbündnisse und des frühen, unbedingten Zusammenhaltens. Vertrauen, Witz und Widerspruchsgeist zählen. Der Großvater ist der ruhende Pol. Er backt sonntags Kuchen, mit der Großmutter teilt die kleine Alice eine Leidenschaft für Mickey- Mouse-Hefte, die in feierlichem Ritual gemeinsam gelesen werden. Die „Mama“ hasst das Land, die einrückenden Amerikaner sind Befreiung, auch wenn Wuppertal nicht gleich wieder zum Wohnort werden kann. Ein GI, der die gutaussehende Mutter betrunken bedrängen will, wird standrechtlich erschossen. An die Stelle der „Kinderbande“ auf dem Land treten nach der Rückkehr in die Stadt verschiedene Schulen. Das Kind, das stets viel durfte, provoziert durch Leistung wie durch Faulheit; der Wechsel auf die bessere Schule scheitert am Geld, letztlich bleibt die Handelsschule, auf die eine kaufmännische Ausbildung folgt. Über Jahre unverbrüchliche Mädchenfreundschaft mit Barbara, der anderen Rebellin in der Klasse. „Liebe Alice! Liebe Barbara!“ – unter diesem Titel wurde der Briefwechsel der beiden bereits 2005 publiziert.

          Zwei biographische Spannungen prägen diese teils vor Kräften strotzenden, teils unsicher mäandernden Jahre. Die eine ist die unterschwellige Unvereinbarkeit von unverbrüchlichen Mädchenbündnissen und der „großen Liebe“ als nicht nur beiläufiger, sondern endgültiger Paarbeziehung: Wie selbstverständlich bleiben die besten Freundinnen zugunsten eines Mannes am Ende zurück. Alice Schwarzer geht nicht nur nach Paris, sondern wird mit Unterbrechungen und Pendelphasen für ein Jahrzehnt dort bleiben. Den Beginn ihrer Karriere als freie politische Journalistin und den Aufbruch der Frauenbewegung erlebt sie bis 1974 als französische Deutsche.

          Die zweite Spannung ist beruflicher und indirekt auch geographischer Art. Nach frustrierenden Erfahrungen in typischen Frauenberufen meldet sich der Berufswunsch Journalistin laut und klar – aber es gilt, sich durchzuschlagen. Der Weg zum Studium führt über Abend- und Ergänzungskurse, die zur Notwendigkeit, mit den Mühen freier journalistischer Arbeit Geld zu verdienen, schlecht passen. Dazu kommt die komplexe Beziehungsgeographie mit Freund in Paris, ersten Stellen in Düsseldorf, Hamburg sowie – bereits mitten in der politischen Radikalisierung 1970 – bei „Pardon“ in Frankfurt.

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