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Berliner Literaturfestival : Die Lügen des Landes

Chronistin der Gegenwart ihres Landes: Arundhati Roy. Bild: ddp

Während in anderen Großstädten Literaturfestivals dank Sponsorengeldern wie Pilze aus dem Boden schießen, behauptet sich das Berliner Literaturfestival allenfalls als Provisorium. Dabei wird es gebraucht, wie die Eröffnungsrede der indischen Globalisierungskritikerin Arundhati Roy bewies.

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          Jetzt hat auch Hamburg ein Literaturfestival – sein zweites schon, nach den „Vattenfall Lesetagen“ im Frühjahr. Und so wie die Kölner Lit.cologne ausschließlich von Einnahmen und Sponsorenmitteln lebt, verdankt sich das „Harbour Front“-Spektakel ebenfalls einem Mäzen, einem Großspediteur aus Zürich. Auf dem LesArt.Festival in Dortmund verleiht die Bosch Stiftung einen Preis, das Münchner Krimifestival listet eine ganze Phalanx von Sponsoren und Partnern von Arte bis Wunderlich auf, und in Frankfurt gibt es neben der Buchmesse die LiteraTurm, die mit Vorliebe in Bank- und Messehochhäusern gefeiert wird. Ein Literaturfestival gehört mittlerweile zum kulturellen Portefeuille der Großstadt wie das Brusttuch in den Anzug des Gentlemen. Nur in der Hauptstadt weiß man noch nicht genau, ob man lieber Tuch oder Tinnef zeigen will.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dort hat gerade das Internationale Literaturfestival Berlin begonnen, mit neun Jahren Lebensdauer schon beinahe ein Veteran seiner Art. Das ilb, wie es die Kenner nennen, zieht zwar Jahr für Jahr gute dreißigtausend Besucher in die Veranstaltungsorte rund um das zentrale Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße, aber seine Finanzierung ruht nach wie vor auf den bekannten tönernen Füßen. An Sponsoren knapp wie praktisch jede Berliner Kulturveranstaltung, lebt das Literaturfestival vor allem von Mitteln des Hauptstadtkulturfonds, die aber jeweils zeitlich befristet sind, weil sie allein der „Projektfinanzierung“ (sprich: Starthilfe) dienen sollen.

          Eine dünne Schicht fetter Creme

          Das BKM, die Behörde des Kulturstaatsministers Neumann, die mit den Berliner Festspielen bereits den Veranstaltungsrahmen des ilb aus ihrem Budget bezahlt, lehnt die Übernahme des Literaturfestivals hartnäckig ab. Was in Köln möglich sei, der Triumph des privaten Sponsoring, müsse doch auch in Berlin klappen, hört man immer wieder aus BKM-Kreisen, ohne dass jemand sagen könnte, wie denn der Reichtum aus dem Rheinland an die Spree geschafft werden soll. So findet das Festival gewohnheitsmäßig vor einer Kulisse von Gewitterwolken statt, die sich zwar nicht entladen, aber drohende Schatten werfen. Bisher ist freilich noch alles gut gegangen, auch das schöne Wetter hat jedesmal gehalten, und so hangelt sich das erfolgreiche Provisorium durch ein weiteres Jahr seiner Existenz.

          Diesmal wurde das Festival mit einer Rede von Arundhati Roy eröffnet. Die indische Schriftstellerin hat sich einen Ruf als Globalisierungskritikerin und Stimme der Unterdrückten ihres Landes erkämpft, den sie auch in Berlin verteidigte, indem sie „das schwindende Licht der Demokratie“ (so der Titel der Rede) gegen die Fackel ihrer Wut hielt. Die demokratischen Ideale, so Roy, seien „aufgebraucht, hohl und sinnentleert“, die Institutionen der Volksherrschaft zu Krebsgeschwüren entartet, von denen das Volk nicht mehr geschützt, sondern aufgefressen würde. In Indien, das nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ins westliche Lager übergelaufen sei, habe die Globalisierung zwar eine wohlhabende Mittelschicht, aber zugleich eine viel größere notleidende Unterschicht hervorgebracht – „eine dünne Schicht fetter Creme auf einer großen Menge Wasser“. Während die Landbevölkerung durch die rücksichtlose Erschließung von Rohstoffvorkommen ihre Lebensgrundlagen verliere, werde die Hindu-Bevölkerung der Städte mit rassistischen Parolen gegen moslemische Mitbürger aufgehetzt. Es sei kein Zufall, dass die extremistische Hindutva-Bewegung im selben Augenblick stark geworden sei, als die Amerikaner den Kommunismus als Feindbild durch den Islam ersetzten. „Auch Hitler war, und ist, ihr Inspiration.“

          Erweiterung des Blicks

          Man mag die geistesgeschichtlichen Linien, die Arundhati Roy von Hitler zu den Hindus und von den Lebensraum-Philosophen zur „neuen Aristokratie“ der Globalisierung zieht, für konstruiert, Roys Gleichsetzung von Fortschritt und Genozid für verstiegen halten, aber ihrer Diagnose, dass die Demokratie auf dem Subkontinent eine mildere Form des Bürgerkriegs darstellt, ist schwer zu widersprechen. Ihre Metapher für den Wahnsinn der Gegenwart ist das Schlachtfeld auf dem Siachen-Gletscher in Kaschmir, wo sich indische und pakistanische Soldaten in eisiger Kälte gegenüberstehen. Der Klimawandel lässt den Gletscher schmelzen und spült den giftigen Kriegsschrott mit den Frühjahrsfluten ins Tal, zu den indischen Metropolen. So wird das Elend von den Rändern in die Mitte der Zivilgesellschaft vordringen, die vor den Kosten ihres Wohlstands die Augen verschließt.

          In den nächsten Tagen werden Philippe Dijan, Feridun Zaimoglu, Tim Parks und Norbert Gstrein in Berlin lesen, Michael Krüger wird mit Eliot Weinberger über die ersten Monate der Präsidentschaft Barack Obamas diskutieren, es wird Lesungen in Gefängnissen und Hotelzimmern geben, eine „Nacht der arabischen Poesie“ und einen Abend mit „New German Poetry“. Eine Besserung der Weltlage ist von alledem nicht zu erwarten, aber eine Erweiterung des Blicks. Hamburg und Köln mögen potentere Sponsoren haben, Berlin aber hat das Raumgefühl, das sich selbst seinen Verächtern mitteilt: Das Gefühl, dass hier noch Platz für die Zukunft ist. Auch dafür braucht es ein Literaturfestival. Nicht auf Abruf, sondern auf Dauer.

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