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Afghanistan-Roman : Es wird geschossen, es geht jetzt los

Ungewohntes Bild in der Literatur: die Frau als Kriegerin Bild: dpa

Der Journalist Dirk Kurbjuweit erzählt in seinem Roman „Kriegsbraut“ vom Ernstfall und bringt ein neues Sujet in die Literatur: den Afghanistankrieg und was es heißt, ihn als Soldatin zu erleben. Guttenberg gönnt er keinen Besuch.

          Die Bundeswehr sei ihm vorgekommen wie eine Spedition in Uniform, als er, der Kriegsdienstverweigerer, Anfang der neunziger Jahre einen Soldaten begleitete, der den ersten Auslandseinsatz in Somalia mitmachen sollte. Sehr zivil sei es da zugegangen, aber eben auch sehr derb. Ein Männerladen, erzählt Dirk Kurbjuweit, Journalist, Reporter der Berliner Republik und Autor von mittlerweile sechs Romanen, im sonnendurchfluteten „Spiegel“-Hauptstadtbüro, das er leitet.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als er 2005 dann wieder mit der Bundeswehr unterwegs war, diesmal in Afghanistan, in einem Konvoi von Kundus nach Faizabad, gab es inzwischen Frauen in der Armee. Nicht nur Ärztinnen, sondern in fast allen Truppenteilen. Auch bei dem Konvoi war eine Soldatin dabei: mit rot geschminkten Lippen über der Flecktarnuniform, mit langem blondem Haar.

          Und diese Frau, sagt der teilnehmende Beobachter Kurbjuweit, habe alles verändert, das ganze Bild, die Stimmung: „Ich habe viel über sie nachgedacht: Wie ist das für sie unter so vielen Männern? Wie ist das, ein Kriegsland zu erleben? Wir kennen Krieg in der Literatur und im Film als Männergeschichte. Die Frauen sind meistens Opfer, die vergewaltigt werden, Sanitäterinnen; oder sie warten zu Hause darauf, dass die Männer zurückkommen. Ich fand es interessant, mich mit einer Frau in einer neuen Rolle zu beschäftigen, als Soldatin, als ,Kriegerin'.“

          „Kriegsbraut“ heißt der Roman, der aus dieser Beschäftigung hervorgegangen ist. Am Freitag erscheint er im Verlag Rowohlt Berlin und ist schon allein deshalb interessant, weil er ein Sujet verhandelt, das sich eben erst Bahn bricht in der deutschen Literatur; das - mit der zeitlichen Verzögerung, die die Literatur braucht - gerade erst auftaucht: der Auslandseinsatz der Bundeswehr und der Krieg in Afghanistan. Dass die Grundlagen eines solchen Romans schwer zu recherchieren sind, weiß niemand besser als der Reporter selbst. Denn von Soldaten im Einsatz ist ein offenes Gespräch nicht zu erwarten. Sie dürfen nichts weitergeben. Deshalb stammen die ungefilterten Worte, die wir von Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan kennen, ja auch fast durchgehend von jenen, die bereits ausgeschieden sind oder die anonym bleiben. Das ist in den Büchern der Oberstabsärztin Heike Groos genauso wie in den „Feldpostbriefen“, die Marc Baumann mit seinen Kollegen vom „SZ-Magazin“ gerade herausgegeben hat. Sprächen die aktiven Soldaten offen, hätten sie morgen möglicherweise keinen Job mehr.

          Im Militärcamp

          Dirk Kurbjuweit hat für seinen Roman zwei Soldatinnen getroffen, die ihm erzählt haben, wie es ist, als Frau in der Bundeswehr zu sein, wie es für sie in Kundus war und in Mazar-i-Sharif - unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit. Mit dem Buch möchten sie nicht in Verbindung gebracht werden. Die offiziellen Pressereisen, die Kurbjuweit als „Spiegel“-Reporter nach Afghanistan gemacht hat, waren für die Parallelaktion der literarischen Recherche trotzdem nicht vergebens. Sie gaben ihm die Möglichkeit, das Lager zu erleben. Den Alltag, die Stimmung, den Trott und die Scheinbeschäftigung, die man in Militärcamps findet. Das Zeittotschlagen und die träge dahinfließende Zeit.

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