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Afghanistan : Die Stimmen der Soldaten

Afghanischer Alltag: unterwegs in Masar-i-Sharif Bild: ddp

Die Bundesregierung weigert sich weiterhin, von einem Krieg in Afghanistan zu sprechen. Doch mit den Erfahrungen der Bundeswehr haben diese semantischen Tricks nichts zu tun.

          Die Sprache der Politik ist voller juristisch einwandfreier Wortschöpfungen, die merkwürdig ausgedacht klingen, anscheinend neutral, oft angestrengt harmlos. Sie ist voller Begriffsmonster, die in den Amtsstuben der Verwaltungstechnik geboren werden, in Gerichtskammern oder in Ministerien. Und irgendwann reicht es dann. Irgendwann klaffen Bezeichnendes und Bezeichnetes so sehr auseinander, dass die politische Rede zur Farce wird und ihre Glaubwürdigkeit verliert, wenn sie sich nicht erneuert.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es hat ziemlich lange gedauert, bis das deutsche Verteidigungsministerium bereit war, die toten Soldaten in Afghanistan „Gefallene“ zu nennen. Vom „Krieg“ spricht Franz Josef Jung immer noch nicht. Er nennt es „Stabilisierungseinsatz“, „Kampfeinsatz“, „friedenssichernde Maßnahmen“ oder „Mission zur Unterstützung des Staatsaufbaus“. Krieg setzt einen völkerrechtlich souveränen Gegner voraus, also kann es keiner sein.

          Krieg würde auch bedeuten, dass die Lebensversicherungen ihre Policen nicht auszahlten, sollte ein deutscher Soldat „kriegsbedingt“ fallen. Also hält man an einer Wortvermeidungstaktik fest, die die Diskrepanz zwischen medialer Wahrnehmung und politischer Sprache immer größer werden lässt. Denn die Stabilisierungsrhetorik passt mit den Bildern von den bombardierten Tanklastzügen und den Berichten über die Opfer bei Kundus nicht mehr zusammen. Sie wirkt verharmlosend. Und sie erfasst noch etwas anderes nicht: die Erfahrungen der Soldaten vor Ort, in Afghanistan.

          Patrouille durch die Ortschaft Madrassa am Stadtrand von Kundus

          Erfahrungsberichte hören sich ganz anders an

          Um zu begreifen, was der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr bedeutet und welche gesellschaftlichen Folgen er haben wird, lohnt es sich, das Feld der politischen Diskussion zu verlassen und die Stimmen derer zu hören, die als Soldaten dort sind oder, weil sie dann freier sprechen können: dort waren. Es lohnt sich, Erfahrungsberichte zu lesen, von Mitgliedern einer Armee, die einmal eine „Friedensarmee“ war und seit ihrer Entsendung in Krisen- und Kriegsgebiete jederzeit mit Verletzten, Traumatisierten und Toten rechnen muss. Das hört sich dann ganz anders an, gerade weil ihre Sprache eine andere ist, subjektiv und direkt, lapidar und ohne Umschweife, voller Anekdoten und mit diesem für das Militär typischen Soldatenhumor.

          Wer Klartext redet, hat nicht automatisch den Anspruch auf mehr Wahrheitsgehalt der Rede. Wo aber Kampfhandlungen stattfinden, bei denen Menschen in Gefahr sind, muss es darum gehen, so viele Erzählungen wie möglich einzufangen. Nur so kommt man dem, was ist, überhaupt näher.

          Das zerstörte Kabul-Gefühl

          In diesen Tagen ist der Erfahrungsbericht der Medizinerin Heike Groos erschienen, die als Oberstabsärztin über mehrere Jahre wiederholt in Afghanistan war. „Ein schöner Tag zum Sterben“ heißt dieses Buch, in dem die 49-jährige Autorin, die mittlerweile mit ihren Kindern in Neuseeland lebt, sich an die Zeit ihres Einsatzes erinnert. Heike Groos war 2003 in Kabul, als bei einem Selbstmordanschlag vier deutsche Soldaten ums Leben kamen. Die Soldaten waren mit anderen Kameraden ihrer Einheit auf dem Weg zum Flugplatz, hatten gerade ihren Einsatz beendet, wollten zurück nach Deutschland fliegen, als ein gelbes Taxi mit einer Fünfhundert-Kilo-Bombe an Bord ihren Bus rammte. Drei von ihnen waren sofort tot, einer starb im Lazarett, 29 wurden verletzt.

          Das erste Kabul-Gefühl, das für Groos das eines Pfadfinderlagers war, ist damit vorbei. Die Oberstabsärztin kümmert sich um die Verletzten und, was in der Theorie der Vorausbildung zwar mitgedacht ist, in Wirklichkeit dann aber wie immer ganz anders aussieht, um die Toten: „Als wir sie nebeneinander an den Straßenrand gelegt und ihre Kleidung glattgezogen hatten, so gut es eben ging, hatten wir vorschriftsmäßig die Hälfte der Erkennungsmarken abgebrochen. Jetzt wussten wir nicht, was wir damit machen sollten.“ So steht sie da, mit den abgebrochenen Marken ihrer Kameraden. Ein Konvoi nähert sich der Unglücksstelle, der kommandierende General der deutschen Isaf-Truppen steigt aus, will den Ort in Augenschein nehmen. Die Oberstabsärztin steht stramm, grüßt ihn: „Herr General, hiermit übergebe ich Ihnen die Erkennungsmarken unserer gefallenen Kameraden.“

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