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Abriss des Suhrkamp-Hauses : Geist zu Staub

  • -Aktualisiert am

Der tödliche „Baggerbiss” ist zwar erst für Donnerstag angekündigt, der Abriss hat aber schon begonnen. Bild: Wolfgang Eilmes

Frankfurt verliert einen Hort der Literatur: Das Suhrkamp-Haus wird endgültig abgerissen. Einst die erste Adresse im deutschen Geistesleben, war das Gebäude in den letzten Monaten zu einem Geisterhaus geworden.

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          Die Lindenstraße ist Geschichte, aus den Ruinen werde Unter den Linden: Der tödliche „Baggerbiss“ ist zwar erst für Donnerstag Nachmittag angekündigt, aber die Planierraupen haben in den letzten Tagen schon heftigst am Gebäude Lindenstraße 29–35 geknabbert. Ein deutscher Erinnerungsort wird zu Schutt zermahlen.

          Mehr als vier Jahrzehnte lang war das Haus im Frankfurter Westend die erste Adresse im deutschen Geistesleben, Anlaufstelle für Dichter und Denker, Schaltzentrale eines visionären Verlegers und Arbeitsplatz legendärer Lektoren. Um an all sie zu erinnern, die hier zwischen Januar 1969 und Dezember 2009 ein und aus gingen, oder auch nur die wichtigsten Bücher zu nennen, die unter diesem Flachdach entstanden, bräuchte es nicht nur ein Messingschild, sondern eine ganze Reihe von Tafeln. Oder aber den Hinweis: Hier befand sich einst der Sitz des Suhrkamp Verlages. Um zu verstehen, was das bedeutet, wenden Sie sich bitte an das Deutsche Literaturarchiv Marbach.

          Um das Gebäude selbst ist es, architekturästhetisch betrachtet, nicht sonderlich schade. Aus dem gefühlten Weißen Haus wurde optisch der Kreml des literarischen Lebens. Zuletzt blickten aus den leeren Fensterhöhlen der funktional schlichten und einst gediegen-hellen, aber mit den Jahren immer grauer und schäbiger gewordenen Betonfassade des Suhrkamp-Hauses nur noch Plakate von Max Frisch und Bert Brecht; der Putz fiel von den Wänden.

          Frankfurt, Lindenstraße 29–35: Suhrkamps Verlagssitz von Januar 1969 bis Dezember 2009

          Ersatz noch nicht gefunden

          Seit Suhrkamp seinen Frankfurter Verlagssitz Ende 2009 aufgegeben hatte, war der Bau zu einem Geisterhaus geworden. Jedes Mal, wenn man in den letzten Monaten an dem Gebäude vorbeikam, wirkte es kleiner, schien fortwährend zu schrumpfen – eben ein Haus ohne Hüter, leblose Hülle der Suhrkamp-Ära, verblassende Projektionsfläche für das, was Geist vermochte, für Sehnsüchte von Autoren und Lesern. Erst zog der Verlag nach Berlin, dann das Archiv nach Marbach, zu Letzt erinnerten nur noch leere Regale, abgeräumte Spanholzschreibtische und verwaiste Autorenposter an die gute Zeit.

          Sobald die Staubwolke sich verzogen hat, will der Projektentwickler Erkin Köksal hier eine der teuersten Wohnanlagen der Stadt entstehen lassen, die trotz der wenig einladenden ersten Entwürfe des Büros Karl Richter (F.A.Z. vom 14. Oktober) schon jetzt zu sechzig Prozent vermarktet sein soll. In Berlin hat Suhrkamp seine Büros übergangsweise in der Pappelallee in Prenzlauer Berg. Der ursprüngliche Plan, später das geschichtsträchtige Nicolai-Haus in Mitte zu beziehen, zerschlug sich; ein Ersatz ist noch nicht gefunden. In Frankfurt verschwindet ein Hort der Literatur, in Berlin geht die Suche nach einem festen Verlagshaus weiter. Der Geist bleibt unbehaust.

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