https://www.faz.net/-gqz-6kjzq
 

Theaterpraxis : Willy ohne Würde

  • -Aktualisiert am

Willy Loman ist der Held des Optimismus, der alle Krisenjahre wieder auf den Theaterbühnen dramatisch repräsentiert wird. Die Berliner Schaubühne zertrat ihn vor ein paar Jahren höhnisch. Im Schauspiel Zürich bekommt er jetzt wieder keine Chance.

          1 Min.

          Er hat zwei Fehler. Er ist zu alt, um noch Verwendung zu finden, obwohl er verwendet werden möchte. Und an sich glaubt. Also schmeißt man ihn raus. Sein zweiter Fehler: Er glaubt an die Zukunft seiner Kinder. Er traut ihnen abgöttisch das Größte zu. Dabei sind sie ganz normale Durchschnittsflaschen mit ein bisschen Diebsgelüst, ein bisschen Rammelei. Aussichtslose Söhne eines Aussichtslosen. Der trotzdem von den schönsten Aussichten träumt. Den Kanon „Du schaffst es“ pfeift er auf dem letzten Loch. Mit einer großen Würde.

          Willy Loman ist der Held des Optimismus, über den der Kapitalismus pessimistisch hohnlacht. Bis zum Tod eines Handlungsreisenden, dessen letzte Handlung darin besteht, mit dem Auto in den Exitus zu rasen, damit die Familie mit der Lebensversicherungssumme weiterwursteln kann. Er ist der Held in Arthur Millers berühmten Drama von 1949. Und in jeder Zeit, in der Menschen als Verwendungslose enden, eigentlich ein prima Zeitgenosse. Krisenzeiten warten förmlich darauf, durch ihn dramatisch repräsentiert zu werden. Vor ein paar Krisenjahren zum Beispiel saß er in der Berliner Schaubühne vor einem grünen Bambusdschungel in Unterhosen biersaufend vor einem Fernsehgerät, guckte Pornos und onanierte so vor sich hin. Willy, ein Prekariatsschwein ohne Würde. Willy hatte doppelt keine Chance. Weder als Zeitgenosse. Noch als Beispiel.

          Alles an ihm ist passé

          Das Theater zertrat ihn höhnisch. Und machte ihn unsichtbar. Jetzt, ein paar Krisenjahre später, haben wir ihn im Schauspiel Zürich angetroffen. An Nierentischen, unter Tulpenlampen, in Furnierbetten und in Haifischflossen-Autos der fünfziger Jahre, fleißig videoverdoppelt und auf allerlei Leinwand projiziert: ein grauer, etwas wirrer, gerne zu Schrei-Attacken neigender Herr in Hut und Dreiteiler, umgeben von einer dauerlächelnden Frau in einer vollautomatisierten Küche aus der frühen Konsumzeit. Held einer Fernseh-Soapopera. Samt Songs und Werbesprüchen hineinverbannt in eine längst vergangene Epoche, die ungefähr die Entstehungszeit des Stücks in Klischees fasst.

          Willy hat wieder keine Chance. Weder als Zeitgenosse. Noch als Beispiel. Alles an ihm ist passé. Inklusive seiner etwas durchgeknallten Naivitätsekstasen-Allüren eines All-American-Verklemmten. Das Theater verschluckt ihn historisch. Und macht ihn unsichtbar. Was allein an ihm zu sehen und zu bewundern und zu bestaunen sein müsste, wäre: seine Würde. Noch in der Melodie seines Elendspfiffs. Doch was gilt schon Würde im Theater heute?

          Weitere Themen

          Zwölf Artikel für die Freiheit

          Jubiläum bei Reiss & Sohn : Zwölf Artikel für die Freiheit

          Mit einer Schrift von Kopernikus zu den Sternen, mit der ersten je gedruckten Landkarte zurück zur Erde: Reiss & Sohn in Königstein feiert fünfzig Jahre Auktionen mit einem beachtlichen Angebot.

          Topmeldungen

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Bundesrat

          Corona-Maßnahmen : Einheitliche Notbremse passiert Bundesrat

          Die Neuregelung des Infektionsschutzgesetzes ist auch durch die Länderkammer gegangen. Der Bundesrat unterließ es am Donnerstag trotz breiter Kritik, den Vermittlungsausschuss anzurufen. Zustimmen musste er ohnehin nicht.
          „Wir haben in der Tat einige Austritte gehabt“: Tilman Kuban, Vorsitzender der Jungen Union. Hier im November 2020 in Berlin.

          Junge Union vor der Wahl : „Die Stimmung ist gedrückt“

          Die Junge Union hatte sich erst für Merz, dann für Söder eingesetzt. Nun soll sie für Armin Laschet werben. Erstmal muss der Parteinachwuchs aber die eigene Enttäuschung überwinden und sich mit Austritten herumschlagen.
          Der Weißkopfseeadler ist das Wappentier der Vereinigten Staaten von Amerika.

          Bedrohtes Wappentier : Was vergiftet Amerikas Seeadler?

          Seit fast 30 Jahren verenden zahlreiche Tiere in Nordamerika an einem natürlichen Nervengift. Auch der Weißkopfseeadler, das amerikanische Wappentier, ist betroffen. Nun weiß man mehr über das Umweltgift.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.