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Theater : „Unerwartete Rückkehr“ - ein neuer Botho Strauß am Berliner Ensemble

  • -Aktualisiert am

Uraufführung am Berliner Ensemble: „Unerwartete Rueckkehr” von Botho Strauß Bild: AP

Viel Applaus für den neuen Botho Strauß. Altmeister Luc Bondy hat das Beziehungsdrama mit dem Titel „Unerwartete Rückkehr“ inszeniert.

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          Botho Strauß bringt es auf den Punkt. Man müsse durch die Schlüssellöcher schauen, dann würde man das Große, das Eigentliche entdecken, heißt es an einer Stelle in seinem neuen Stück. Zweifellos meldet sich der Autor in diesem programmatischen Satz seiner Figur selbst zu Wort.

          Luc Bondy hat das Stück mit einer vortrefflichen Besetzung am Berliner Ensemble in Szene gesetzt. Was zu Beginn wirkt wie der Gipfel der Banalität, erweist sich als pikante und folgenreiche Begegnung.

          „Unerwartete Rückkehr“ beginnt damit, dass an einer Wegkreuzung im Hochgebirge ein Mann den anderen nach dem Weg fragt. Der Gefragte erkennt im Wegsucher den ehemaligen Geliebten seiner Frau wieder und erinnert diesen daran, mit ihr mal „eine Abtreibung gehabt“ zu haben. Weil der ehemalige Liebhaber klaffende Erinnerungslücken hat und der Nach-wie-vor-Ehemann sich seiner Sache offenbar sehr sicher ist, nimmt er ihn mit nach Hause, zur damals zu ihm zurückgekehrten Frau und zu seiner jungen Geliebten.

          Konfliktträchtige Figurenkonstellation

          Dort geschieht erst einmal gar nicht viel. Man sitzt am Tisch vor hübscher Gebirgskulisse, streut „einen Hauch Parmesan“ über den Salat und redet über die verrückten Ereignisse der Vergangenheit, manchmal auch gleichzeitig. Doch die Erinnerungen bleiben diffus. „Was wollen Sie von mir?“, fragt die Frau (Dagmar Manzel) in einer ruhigen Minute den ehemaligen Geliebten (Robert Hunger-Bühler). „Gegenfrage“, sagt der: „Was lassen Sie noch mit sich machen?“ Anfangs ist alle Gegenwart fest im Griff der Vergangenheit, und niemand lässt irgendwas mit sich machen. Das Ambiente des Alltäglichen (Bühne: Wilfried Minks) scheint die konfliktträchtige Figurenkonstellation zu beherrschen.

          Das ändert sich jedoch. Die beständig überbetonte Selbstgewissheit des Hausherrn (Peter Fitz) richtet sich plötzlich gegen diesen selbst. Seine Frau nutzt die Gelegenheit der „unerwarteten Rückkehr“ des Geliebten, um sich für die Demütigungen, mit denen ihr Mann sie jahrelang für ihren Seitensprung bestraft hat, zu rächen. Auch die junge Geliebte (Nina Hoss) beginnt sich für den Gast zu interessieren, der sich als charismatischer Loser erweist.

          Das Weltanschauliche herauskitzeln

          Bondys Inszenierung vertraut dem Prinzip des Schlüssellochblicks. Die von Strauß georteten tragischen Elemente heutigen Daseins - Erinnerungsverlust, Älterwerden, Versteinern - verstecken sich in der Inszenierung unter einer Menge Oberfläche. Da, wie es im Stück heißt, heute nicht mehr über Weltanschauungen diskutiert wird, sondern stattdessen etwa über Umbaupläne für das Ferienhaus, muss aus diesen Umbauplänen eben das Weltanschauliche herausgekitzelt werden.

          Robert Hunger-Bühler versucht das durch raunende Hervorhebung des Vieldeutigen in seinem Textpart. Dagmar Manzel stellt durch äußerste Reduktion ihre Figur auf ein affektkontrolliertes Hausfrauendasein ab, aus dem nur einmal in einer Erinnerungsszene Unverarbeitetes hervordringt. Peter Fitz markiert eine Existenz, die sich Halt suchend an der Oberfläche orientiert. Nina Hoss taucht tief ein in die Ambivalenzen jugendlicher Erinnerungslosigkeit.

          Das Premierenpublikum honorierte den Abend mit großem Beifall.

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