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Theater : Schauspielhaus Bochum: Warten auf Harald

  • -Aktualisiert am

Harald Schmidt in "Warten auf Godot" Bild: Arno Declair

In „Warten auf Godot“ klettert Harald Schmidt auf die Bühne des Schauspielhauses Bochum und ist - ganz bei sich.

          Harald kommt spät. Aber das sind wir ja von ihm gewohnt. Immerhin kommt er. Nach etwa 30 Minuten im ersten Akt der Bochumer Inszenierung von Becketts „Warten auf Godot“ schleppt sich er sich als alter Diener Lucky von links nach rechts über eine langsam in die Schräge kippende Hängebühne.

          Lucky ist beladen mit dem Gepäck seines Herrn Pozzo und geht wie ein Arbeitstier in dessen Geschirr, den Strick um den wunden Hals geschlungen. Pozzo befiehlt ihm zu tanzen, und mit ungelenken Schritten und mühsamen Bewegungen der langen Arme gibt er den Höfling, der gefallen will. Man sagt ihm „Denke!“, und er hebt an zu einem Monolog, der vielerlei Bruchstücke eines durcheinandergeschüttelten Wissens zusammenklaubt und unter höchster Anstrengung kakophonisch ausspeit: „Auf Grund der sich aus den letzten öffentlichen Arbeiten von Poincon und Wattmann ergebenden Existenz eines persönlichen Gottes kwakwakwakwa mit weißem Bart kwakwakwa .....“. Philosophie, Sport und Gottesnähe - ein ganzes Welttheater müht sich über dünne Lippen. Das Publikum biegt sich vor Lachen.

          Unser aller freiwilliger Clown

          Der Bochumer Dramaturg Thomas Oberender hält den Entertainer für den Lucky unserer Tage. Schmidt, so spinnt der „Spiegel“ den Gedanken aus, „sei ... unser aller freiwilliger Clown, Sklave der Unterhaltungsindustrie ... am Gängelband der Werbegelder und der Gunst des Publikums, aber doch von rätselhafter, bösartiger Souveränität ...“. Für Schmidt selbst enthält Luckys Monolog „nur scheinbar diffuses Zeug“. Der Diener, der sich möglicherweise einen letzten Rest Würde erhält, indem er seine demütigende Arbeit brav verrichtet, ist ihm die Verkörperung von Wahrheit und Freiheit.

          Late-Night-Talker Schmidt, der nie vor 23.15 Uhr kommt, also dann, wenn sich der Mensch sich vielleicht nach einem göttlichen Zwiegespräch sehnt, weil er sich einsam inmitten der Welt vorkommt, spielt seinen Part mit wunderbarer Hingabe. Er verstellt seine Stimme, damit man nicht sofort den Nacht-Redner zu hören glaubt. Doch je mehr sich die Rolle des Lucky mit tragischer Komik auflädt, umso vertrauter scheint uns seine gestische Rhetorik, die wuchtige Armbewegung zur Dauerphrase „... man weiß nicht warum...“. Das Publikum erlebt statt einer Beckett-Figur ein unterhaltsames Gastspiel, oder amerikanisch: eine Entertainment-Einlage.

          Unser aller Über-Inszenierer

          Matthias Hartmanns textnahe Inszenierung versteht die poetische Groteske vom Landstreicherpärchen Wladimir und Estragon, das - ohne Lohn und Brot - auf Erden nichts zu tun hat, stattdessen sich von Hoffnung nährt und mit Fatalismus besänftigt, ohnehin so burlesk, dass wir nicht mehr weit weg sind vom Grundgedanken, nach dem Schmidt sich selbst und seine Late-Night-Show inszeniert - Absurdes Theater eben.

          Viermal pro Woche gibt sich der Entertainer im Fernsehen als bildungsbürgerlicher Aufklärer, interviewt Stars, spielt mit Playmobil-Figuren „Hamlet“ nach, lässt Zuschauer aus Reclam-Heftchen Goethes „Iphigenie“ lesen oder tritt als Claus Peymann in ein endlos eitles Selbstgespräch mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Wer ihm dabei zuschaut, erlebt den Über-Talk, die Über-Inszenierung, die oft genug auch auf sich selbst verweist; stets nach dem Prinzip der Ironie, denn nichts in dieser Welt ist gut oder böse, richtig oder falsch, wenn man es sowohl vom einen wie vom anderen Standpunkt aus betrachtet.

          Unser aller vielzitierter Godot

          Das sich so selbst bewusste „Geschwätz“ kokettiert mit dem, was man einmal als „horror vacui“ bezeichnete: die Angst des Menschen vor dem leeren Raum, einer bedeutungslosen, ja sinnlosen Welt. Wladimir und Estragon haben Angst vor dieser Leere, und der erste versucht den zweiten durch Spielchen und „Geschwätz“ zu unterhalten. Denn Unterhaltung tröstet, und sie macht vergessen.

          Unvergesslich wird der Auftritt Harald Schmidts bleiben. Im zweiten Akt schleppt er sich noch einmal stumm über die schräge Bühne. Würde Lucky-Harald, der dann doch kommt, wenn wir nur lang genug auf ihn warten, im Fernsehen verstummen - uns käme nicht der bessere Schauspieler, sondern ein Godot des Entertainments abhanden.

          Doch jeder Vorhang fällt einmal. Möge Schmidt sich für das Fernsehen immer wieder neu erfinden, damit wir an das Fernsehen glauben können. Auf der Bühne hat er fürs erste bewiesen, dass er nicht aus seiner Rolle fallen muss - wenn nur das richtige Stück ihn lockt.

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