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Theater : Nicht brüllen, denken - Fußballtheater in Berlin

  • -Aktualisiert am

Jörg Gudzuhn im Männer-Monolog Bild: Wolfhard Theile

Am Mittwochabend begeisterte in Berlin das jüngste Stück von Thomas Brussig: "Leben bis Männer". Es handelt vom Fußball.

          Dem Berliner Autor Thomas Brussig ist mit seinem am Mittwochabend uraufgeführten Stück „Leben bis Männer“ ein Volltreffer gelungen. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin wurde herzlich gelacht, aber oft blieb den Zuschauern das Lachen bei dem Fußballstück auch im Halse stecken.

          Brussigs Held ist ein „harter Knochen“, seit beinahe 30 Jahren Fußballtrainer für „Kinder, Knaben, Schüler, Jugend, Junioren - bis Männer“ in der Gegend um Magdeburg. Die Wahl des Schauplatzes steht für Brussigs Überzeugung, zur deutschen Gegenwart gehöre es, dass die „Ostler ihre unverdaute Geschichte“ mit einbringen.

          Pleitefußball

          Der Verein „Tatkraft Börde“ heißt nach dem Mauerfall „Brauerei Börde“ - natürlich wegen des Sponsors. Für den Trainer, der sich im vereinten Deutschland als Verlierer sieht - die Stellung als DDR- Lehrausbilder ist futsch, sein Sportgeschäft ging Pleite, nun arbeitet er beim Wachschutz -, ist der Fußball wie ein Rettungsanker. Die mit Leidenschaft betriebene Freizeitbeschäftigung, von der Frauen angeblich absolut nichts verstehen, hilft dabei, das eigene Drama zu verdrängen.

          Brussigs Pointen sitzen, mal witzig, mal sarkastisch. Anklage, selbstgerechte Verteidigung und Nicht-Begreifen-Wollen des „Platzbrüllers“ liegen dicht beieinander. Für einen Mann mit autoritärem Denken hat es nichts mit „Gerechtigkeit“ zu tun, wenn sein bester Spieler als DDR-Grenzsoldat im Mauerschützenprozess auf Bewährung verurteilt wird.

          Wenn Kenner sprechen

          Für den anderthalbstündigen Monolog unter der Regie von Peter Ensikat wurde mit dem Schauspieler Jörg Gudzuhn die ideale Besetzung gefunden. Da redete ein Kenner über Elfmeterschießen und Weltmeisterschaftsspiele. Im jähen Wechsel verschaffte sich der aufgestaute Frust Bahn. Der schönste Spruch: „Ich übrigens brülle nicht. Es sieht aus wie Brüllen, aber in Wirklichkeit ist es Denken.“

          Der Roman „Helden wie wir“ (1995) über den Mauerfall machte Brussig, Jahrgang 1965, schlagartig zu einem der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren. Die ein Jahr später ebenfalls in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung spielten rund 50 Theater nach. Sein 1999 erschienenes Buch „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ gelangte unter dem Titel „Sonnenallee“ auf die Leinwand. 2,5 Millionen Zuschauer sahen den Film, der Regisseur Leander Haußmann und Brussig wurden mit dem Deutschen Drehbuchpreis geehrt.

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