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Theater in Bochum : Glaubt Schiller!

  • -Aktualisiert am

Schiller erdachte sich Figuren, an die er selbst kaum glaubte. Seine Johanna aus „Die Jungfrau von Orleans“ ist pure Poesie. Aber eben auch eine Sache des Glaubens. In Bochum wird aus der Poesie ein „Kritischer Ansatz“. Aber ohne Glauben.

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          Dass ein Mädchen von kaum fünfzehn Jahren Stimmen hört, Befehle der Gottesmutter, die sie dazu bringen, ein ganzes Land von eingedrungenen Feinden zu befreien, Schlachten zu schlagen, Heere vor sich herzutreiben, um am Ende einem König die Krone aufs Haupt zu setzen, und es als einzige Sünde wider ihren heiligen Geist zu empfinden, sich in einen (einen einzigen) Feind zu verlieben – ist das zu glauben? Dass sie das in Gewissensabgründe stürzt? Dass sie das in Gefangenschaft und in Todeswundenpein bringt, dieweil sie den Himmel offen sieht und, „kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!“, eben durchs Überirdische erhöht wird?

          Selbst Friedrich Schiller, der das in seiner romantischen Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“ gedichtet hat, glaubte es nicht. Aber: Er hat’s gedichtet. Seine Johanna ist nicht Religion. Sie ist pure Poesie. Die Wirklichkeit von 1431 machte ihr den Prozess. Verbrannte sie als Ketzerin. Schiller liquidierte den historischen Prozess und sprach sie 1801 schon poetisch heilig, während die Kirche noch bis 1923 brauchte, um die weiland Ketzerin zur Ehre der Altäre zu erheben. „Die Jungfrau von Orleans“ ist Glaubenssache.

          Der Weihrauch eines Klatschmarsches

          Das lässt sich jetzt hübsch exemplarisch im Schauspiel Bochum erleben. Man macht Schillers unhistorisch poetischer Heiligen noch einmal den historischen Prozess, zitiert viel aus den Prozessakten. Man lässt böse inquisitorische Männer, mal in historisch klerikaler, mal in unhistorischer Kaufhausanzugsrobe, die ansonsten viel mit Zigarettenrauchen, mit Triumphkomasaufen und In-Mikrophone-Brüllen beschäftigt sind, zum Geschrumm einer süß wummernden Rockgitarre ein armes Hascherl quälen und ausbeuten, das nur dazu da ist, einem der nikotinsüchtigen, schlappschwänzigen Anzugsträger (Karl VII.) den Herrschaftshintern zu retten.

          Abgesehen davon, dass die wackeren Schauspieler vor Biederkeit geradezu strahlen, vollzieht sich hier ein nicht nur fürs Theater typisches religiöses Tauschgeschäft. Wo bei Schiller als pure Poesie geglaubt werden müsste, dass eine junge Frau gegen alle Welt und alle Männer eine alle Himmel und Höllen sprengende Autonomie gewinnt, wird im poesieglaubenslosen Bochum der Altar der Ersatzreligion des „Kritischen Ansatzes“ errichtet. Denn wenn man nichts mehr zu glauben hat – zu meckern hat man ja immer. Das plumpe weiberhysterisch leicht übertourte Männeropfer Johanna wird zum abgegriffenen Bewusstseinspfennig, der in einen längst schmierig gewordenen Klingelbeutel geworfen wird, in dem er sofort süßestes Thesenklingeln erzeugt. Es ist dies die dümmste Konfession, die unsere Gegenwart im Konfektionsregal hat. In Bochum freilich steigt dazu der Weihrauch eines Klatschmarsches im Publikum auf.

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