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Theater : Genialer Berserker des Regietheaters: Zum Tod von Einar Schleef

  • -Aktualisiert am

Einar Schleef (1944 - 2001) Bild: dpa

Der bedeutende und umstrittene Dramatiker und Theaterregisseur erlag 57-jährig seiner Herzkrankheit.

          Zum Schluss machte sein Herz nicht mehr mit: Einar Schleef, einer der bedeutendsten und umstrittensten deutschsprachigen Theaterregisseure, ist tot. Wie sein Anwaltsbüro an diesem Mittwoch mitteilte, erlag er bereits am 21. Juli in Berlin im Alter von 57 Jahren seiner Herzkrankheit. Offenbar starb Schleef einen einsamen Tod. Das Krankenhaus hatte sich auf der Suche nach Angehörigen Hilfe suchend an das Anwaltsbüro gewandt.

          Mit Schleef starb ein von der eigenen Biografie und der Geschichte seines geteilten Landes umgetriebene Erinnerungs- und Trauerarbeiter des Theaters. Als Dramatiker reüssierte er vor allem mit seinem 1995 am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin herausgebrachten mehrteiligen autobiografischen Stück „Totentrompeten“, das in den 70er Jahren in der DDR entstand und einen ironischen Abgesang auf die DDR darstellt.

          Der im thüringischen Sangershausen geborene Schleef, der 1976 aus der DDR in den Westen ging, war ein genialer Berserker des Regietheaters, aber auch ein besessener Autor („Gertrud“), der sich mit seiner eigenen Lebensgeschichte ebenso beschäftigte wie mit Friedrich Nietzsches Philosophie oder dem Faust- Stoff und der deutschen Nachkriegsgeschichte.

          Genialer Berserker oder „Theaterzertrümmerer“

          Wegen seiner Herzkrankheit musste Schleef in letzter Zeit mehrere ehrgeizige Theaterprojekte abbrechen oder absagen, wie die Uraufführung von Jelineks „Macht nichts“ an Claus Peymanns Berliner Ensemble oder eine Nietzsche-Trilogie bei den Wiener Festwochen. Mit einigen Anlaufschwierigkeiten, die den damaligen Intendanten Thomas Langhoff an den Rand des Nervenzusammenbruchs führten, brachte Schleef im Mai vergangenen Jahres am Deutschen Theater in Berlin seine eigene deutsche Revolutionscollage „Verratenes Volk“ nach Alfred Döblins Roman „November 1918“ heraus, in der er auch selbst auftrat. „Jetzt reichts!“ riefen damals einige empörte Zuschauer nach der fünfstündigen Aufführung, die Mehrheit spendete erschöpft tosenden Beifall.

          Trotz seiner Sprachhemmungen ließ er es sich wiederholt nicht nehmen, sogar selbst als Darsteller aufzutreten und oft lange Monologe zu sprechen, besser gesagt, aus seiner verletzten Seele hinauszuschreien. Von seinen Gegnern auch manchmal als „Theaterzertrümmerer“ geschmäht, machte er mit seiner eigenwilligen, oft stark von Chören und choreografischen Elementen geprägten Inszenierungen Furore. Viele sprachen von „Klangopern“. Sein Stilmittel war das „aggressive Pathos“ verbunden mit stakkatoartigem Sprechgesang seiner Darsteller, die oft mit stampfenden Schritten an die Rampe jagten.

          Umstritten, polarisierend

          Kennzeichnend für Schleefs Arbeiten war, dass seine Inszenierungen bei Kritikerumfragen sowohl als „Höhepunkt der Saison“ als auch als „ärgerlichste Theatererfahrung des Jahres“ eingestuft wurden.

          „Stampftheater“ sagte Peter Zadek, als Schleef in seiner Inszenierung von Rolf Hochhuths Treuhandstück „Wessis in Weimar“ 1993 am Berliner Ensemble seine nur mit Wehrmachtsmänteln und ansonsten nackten Darsteller mit ihren Knobelbechern über die Bühne des einstigen Brecht-Theaters rasen ließ. Auch von einer „künstlerischen Wehrsportgruppe“ und „Faschismus-Scheiß“ war die Rede. Sachlicher argumentierten andere, die Schleef bescheinigten, das kollektive Verhalten in den Mittelpunkt seiner Arbeiten zu stellen - „Zucht, Ordnung, der Stachel des Faschismus“.

          Widrigkeiten, Stolpersteine

          Der Lebensweg und die Karriere Schleefs waren stets von Widrigkeiten, Stolpersteinen und Auseinandersetzungen begleitet. Nach seinem Malerei- und Bühnenbildstudium an der Kunsthochschule Berlin- Weißensee arbeitete er bis 1976 am Berliner Ensemble, wo er für Erwin Strittmatters „Katzgraben“ und Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ verantwortlich zeichnete. Seine Inszenierung von August Strindbergs „Fräulein Julie“ (1974/75) wurde abgesetzt.

          Günther Rühle verpflichtete Schleef Mitte der 80er Jahre an das Frankfurter Schauspiel, wo er das Publikum unter anderem mit Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ verstörte. Als er in den 90er Jahren zum zweiten Mal das Berliner Ensemble verlassen musste, wechselte er Anfang 1993 an das Berliner Schiller-Theater, das nur wenige Monate später geschlossen wurde. Als „Nachruf“ spielte er nachts auf den Treppen des Theaters Szenen aus seiner geplanten „Faust“- Inszenierung.

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