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Theater : Der Verteidiger als Menschenfreund

  • -Aktualisiert am

Thomas Langhoff 1938 - 2012 Bild: dpa

Er schrieb Theatergeschichte und gehörte zu den wichtigsten Regisseuren im deutschsprachigen Raum: Thomas Langhoff. Nun ist er im Alter von 73 Jahren gestorben.

          4 Min.

          Er kam von außen. Und gehörte drinnen, hüben wie drüben, nur distanziert dazu. Ein Kind der Emigration, geboren 1938 in Zürich, wohin sein Vater, der kommunistische Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, ein expressionistischer Realist, vor den Nationalsozialisten geflohen war, mit dem er nach dem Kriege ins Ost-Berliner Theaterneuland zog. Dort machte Wolfgang Langhoff eine schwierige Karriere, der sich als Chef des Deutschen Theaters an der Schumannstraße das freie, kritische Denken nicht verbieten lassen wollte und von den kulturellen Machthabern der DDR 1965 aus dem Amt gedrängt wurde. Was er nicht lange überlebte. Seine Söhne Matthias und Thomas versuchten, jeder auf seine Weise, sich postum vom Vater zu lösen. Matthias Langhoff dadurch, dass er ihn (und die DDR) von links her, durch rauhe, harte, generalistische Abrechnungen mit Zeit und Gesellschaft („Homburg“ auf dem Kartoffelacker) konterkarierte. Regie mit der Faust. Thomas Langhoff dadurch, dass er in der Gesellschaft das suchte, was in den siebziger Jahren weder in der DDR noch in der Bundesrepublik vorgesehen war: das Lebens-, Liebes- und Sehnsuchtsrecht des Einzelnen. Regie mit der Seele.

          Liebenswürde Mißglückungen

          In Thomas Langhoffs Theater war die Gesellschaft und was sie treibt oder umwirft, nie ausgeblendet. Aber er eckte schon früh damit an, dass er die Menschen in den Stücken, die er in Szene setzte, mehr liebte als die Umstände-Korsetts, in denen sie steckten. Der gelernte Schauspieler, der in der DDR die Provinzochsentour durchlief, dann beim DDR-Fernsehen arbeitete, von 1971 sich frei schaffend umtat und rasch auch im Westen, in Frankfurt, München, Wien, Salzburg auffiel, wurde bald zu einer Rarität. Zwar waren seine Annäherungen an den großen Shakespeare eher liebenswürdig missglückt. 1985 ließ er das Venedig des Shylock-Dramas in heiterster Faschings- und Luftspiegelungslaune im Deutschen Theater verpuffen und erreichte noch 2006 im Berliner Ensemble für die „Schändung“ des Botho Strauß (nach Shakespeares „Titus Andronicus“) nur eine etwas bieder verkrampfte Blutbade-Temperatur.

          Ein schonungsloser Menschenfreund

          Aber wie er Anfang der achtziger Jahre in Wien „Juno und der Pfau“, das fabulöse kleinbürgerliche Katastrophen- und Bramarbas-Stück von Sean O’Casey, von allen Klischees befreite und in den trunken irrenden Iren die großen Träumer entdeckte; oder wie er 1984 in den Münchner Kammerspielen Lessings „Emilia“ zu einer fiebrigen Sehnsuchts- und Todespartie zwischen Vater, Tochter und fürstlichem Liebhaber hochtrieb und Rolf Boysen, Sunnyi  Melles und Michael König zu einem traurigen Trio infernal formte; wie er wenig später, 1987, bei den Salzburger Festspielen, aus Schnitzlers „Einsamem Weg“ mit Helmuth Lohner und Anne Bennent nicht die Trauer übers Vergehen und Absterben, sondern den schönen Trotz des Lebens feierte waren das Feste schonungsloser Menschenfreundlichkeit.

          Verteidiger seiner Figuren

          Es waren vor allem die Dramatiker der vorletzten Jahrhundertwende, die Tschechow, Ibsen, Gorki, Strindberg, Hauptmann, die sein Feld waren: Bürger, aus der Zeit gefallen, die über sie hinweggeht, und die das Zeitvergehen als größtes Unglück empfinden, das sie mit letzten Lüsten, Sehnsüchten und Bosheiten zu parieren versuchen, worin Langhoff weniger ihren verdienten Untergang, mehr ihren humanen Lebensmut entdeckte. Als er 1979 Tschechows „Drei Schwestern“ fürs Ost-Berliner Gorki-Theater und zugleich fürs Schauspiel Frankfurt inszenierte, fand er in leeren, riesigen Räumen die Würde und den schönen Überlebenswahn kleiner Menschen – was er ungefähr zehn Jahre später, als er 1988 im Gorki-Theater Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ uraufführte, in einem ganz unmittelbaren DDR-Gegenwartsempfinden spiegeln konnte. Braun nahm Tschechows „Drei Schwestern“ als Folie und malte darauf das verlorene Leben („Wenn man es nur wüsste!“) der Prosorow-Schwestern mit DDR-Farben aus: eine Gesellschaft zwischen den Zeiten –die sich im Jahr darauf dann ja auch schlagartig änderten. Langhoff ließ Tschechows alten und Brauns neuen Unter- und Übergängern in Güte und Liebe ihre vermischte Würde – ohne ihre Schmerzen und ihre Unzulänglichkeiten zu verschweigen. Er war als Regisseur nie der Richter seiner Figuren, immer ihr Verteidiger.

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