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„The Tribe“ im Kino : Auf der anderen Seite von Gut und Böse

  • -Aktualisiert am

Zwischen Hollywood und Porno ist eine Menge möglich – das zeigt „The Tribe“, der radikale Film des Ukrainers Miroslav Slaboshpitsky über eine Gemeinschaft aus Taubstummen.

          Über die Gangster in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion erzählt man sich viele Geschichten. Eine davon geht so: Zu ihren Treffen bestellten sie mit Vorliebe taubstumme Prostituierte. Sie konnten sich auf diese Weise vergnügen und dabei unbeschwert über die Geschäfte reden. Folklore dieser Art fasziniert den ukrainischen Regisseur Miroslav Slaboshpitsky. Er hat mit „The Tribe“ („Plemya“) einen ganzen Film über taubstumme junge Menschen gemacht. Seit seiner Premiere in Cannes vor eineinhalb Jahren spaltet er das Publikum und die Kritiker in aller Welt. Es hagelt Preise, Slaboshpitsky nennt aber auch mit einem gewissen grimmigen Stolz die Städte, in denen Leute ohnmächtig geworden sind bei einer besonders drastischen Szene seines Films: „Sydney! Haifa! New York!“

          In dieser Szene lässt eine junge Frau namens Anya ein Kind abtreiben. Sie geht zu einer Frau, legt sich rücklings auf einen Küchentisch, der nicht vorhandene gynäkologische Stuhl wird mit Gummibändern simuliert, und während Anya keuchend die Prozedur über sich ergehen lässt, kann man nicht anders, als mit Fluchtreflexen kämpfen. Wer sie überwindet und im Kino bleibt, muss sich dann auf ein nicht minder extremes Ende gefasst machen.

          Innenansicht einer korrupten Organisation

          Slaboshpitsky hat einen radikalen Film gemacht, mit dem er seither eine Menge zu tun hat, denn auf der ganzen Welt muss er „The Tribe“ erklären. Die Geschichte an sich, über ein Internat für taubstumme Menschen als Schule der Gewalt, ist schon wild genug, und dann ist das noch ein Film aus der Ukraine, einem Land, das auf der Kippe steht. Unweigerlich liest man diese Innenansicht einer korrupten Organisation auch als Allegorie auf ein größeres Ganzes, auch wenn das keine Lesart ist, auf die Slaboshpitsky es angelegt hätte.

          Ich treffe ihn im Juli dieses Jahres am Rande des Filmfestivals in Odessa. Er wirkt ein wenig, als hätte er eine lange Nacht hinter sich, aber so sieht man vielleicht aus, wenn man auf die Etikette pfeifen kann - oder wenn man etwas zu erzählen hat, wovon die bürgerliche Gesellschaft keine Ahnung hat. Auf die Frage, ob „The Tribe“ auch ein Film über die Ukraine sei, lässt er sich nur so weit ein: „Man sagt, es wäre eine nationale Eigenschaft hier, dass man nicht um Hilfe fragt. Denn nehmen wir den Fall, es wird jemand überfallen. Er ruft die Polizei. Und die Polizei nimmt ihm auch noch das Hemd. Das ist das Bild von Gesellschaft, das hier vorherrscht.“ Und das die westlich orientierte Zivilgesellschaft überwinden möchte.

          Kein gesprochenes Wort

          Zwei junge Leute stehen im Zentrum des „Stammes“. Sergej, der neu in das Internat kommt, und Anya, eine von zwei Frauen, die nachts von ihren Zuhältern zu Parkplätzen gefahren werden, wo sie in die Fahrerkabinen klettern und vierschrötigen Lastwagenchauffeuren zu Diensten sind. Sergej wird bald in die Organisation, die von dem Leiter der Tischlereiwerkstatt angeführt wird, aufgenommen, er wird im klassischen Sinn initiiert, verliebt sich aber auch in Anya. Damit sind die Konflikte vorgezeichnet: Ein Boss von außerhalb bemüht sich um Visa für Italien, die beiden Frauen sollen in den Westen, eine aufregende Perspektive, auch wenn klar ist, was sie dort tun werden.

          All das muss man sich mehr oder weniger zusammenreimen, denn in „The Tribe“ wird ausschließlich Gebärdensprache „gesprochen“. Die Darsteller wurden in einem halbjährigen Casting gefunden, sie sind, wie Slaboshpitsky das benennt, „Muttersprachler“. Er zündet sich eine weitere dieser dünnen Zigaretten an, die er unentwegt raucht, und sagt: „In dem Moment, wo in so einem Film gesprochen würde, sähe er hässlich aus, wie eine Groteske. Denn diese Zeichensprache bezieht den ganzen Körper ein, sie sieht sehr emotional aus.“ Und das funktioniert nun einmal nur richtig, wenn die Figuren unter sich sind.

          Mehr als eine Sozialreportage

          Deswegen auch der Titel des Films: „The Tribe“, im Original „Plemya“, bei dem Slaboshpitsky an „eine heidnische Gesellschaft“ dachte, an Leute, die sich „auf der anderen Seite von Gut und Böse“ befinden. Diese andere Seite benennt er ganz ausdrücklich: „Es ist ein Zustand der Unschuld. Natürlich ist es auch eine Unterwelt, die Züge mafioser Strukturen erkennen lässt, eine Parallelwelt, in der alles informell geregelt wird. Liebe stört da nur, und wenn sich jemand richtig verliebt, ändert das alles. Am Ende ist der Stamm ausgelöscht.“

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