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„The Tribe“ im Kino : Auf der anderen Seite von Gut und Böse

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Diese „heidnische“ Gesellschaft ist allerdings durchaus konkret im gegenwärtigen Europa situiert. Slaboshpitsky verfolgte, während er das Drehbuch schrieb, einen Prozess in Deutschland gegen ein Ehepaar, das taubstumme Menschen zum Betteln ins Land geholt hatte. Sein Film führt uns gewissermaßen an das andere Ende einer Reise, deren Ziel wir gelegentlich erleben, wenn wir in der U-Bahn oder auf der Straße angesprochen werden. Doch „The Tribe“ ist viel mehr als nur eine Sozialreportage. Die intensiven kritischen Debatten, die um den Film geführt werden, rühren an zentrale Aspekte des gegenwärtigen Weltkinos: Wie entsteht auf filmische Weise Bedeutung? Was ist „natürlich“, und wo beginnt eine Performance? Wann werden Bilder der Gewalt selbst gewaltsam?

„La vie d'Adèle“ als Vorbild

Die Schwierigkeiten bei der konkreten Arbeit erläutert Slaboshpitsky am Beispiel einer zentralen Szene, in der Sergej und Anya in einem Heizungskeller zum ersten Mal Sex miteinander haben. Ein Moment der Intimität, der sie zu Verschwörern macht. „Die beiden Schauspieler sind ganz unterschiedliche Menschen. Er ist ein cooler Typ, ein Street Artist, er findet sich überall zurecht. Sie stammt aus einem weißrussischen Dorf nahe der polnischen Grenze. Die Menschen sind dort sehr konservativ. Wenn sie sich für eine Szene auszieht, gilt das schon als Pornographie. Ich habe ihr ,La vie d’Adèle‘ gezeigt, den Film von Abdellatif Kechiche, in dem Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux diese lange Liebesszene haben. Das gefiel ihr, und schließlich hat sie sich als Ziel gesetzt, ihren nächsten Geburtstag in Hollywood zu feiern. Das ist in etwa der Begriff von Kino, den viele Menschen bei uns haben: Hollywood oder Porno, dazwischen existiert nichts.“

Slaboshpitsky ist die Genugtuung darüber, dass er diesen Zwischenbereich nun mit einem kraftvollen Statement besetzt hat, durchaus anzusehen. Und er hat für alle kontroversen Szenen eine Geschichte parat, wobei diese nicht zufällig alle sehr stark in den Erfahrungen der Sowjetunion verwurzelt sind. Für das schwer erträgliche, wenn auch in einer anderen Logik unumgängliche und konsequente Ende bezieht er sich auf Traditionen in der sowjetischen Armee, die Rekruten mit brutalen Ritualen empfing. Wenn dann einmal jemand zurückschlägt, kann das eben schockierend brutal werden.

Kandidat für den Oscar

Ich komme schließlich noch einmal auf die Frage zurück, inwiefern „The Tribe“ repräsentativ für die „alte“ Ukraine sein könnte. Die Suggestion ist nun mal ungeheuer stark. Slaboshpitsky will sich auf diese Diskussion nicht wirklich einlassen, nebenbei erzählt er, dass er die Ereignisse auf dem Maidan vom Herbst 2013 bis in den Februar 2014 zwar intensiv verfolgt habe, beteiligen konnte er sich aber nicht, denn das war die Zeit, in der er seinen Film gedreht hat. An einer Stelle kam er dann aber selbst noch einmal in Konflikt mit der alten Garde. „The Tribe“ war einer der Kandidaten für die ukrainische Nominierung für einen Oscar in der Kategorie „Bester Film in einer fremden Sprache“. Das Auswahlkomitee, über das er nur Worte der allergrößten Verachtung findet, entschied sich aber für „The Guide“, ein übles, nationalmythologisches Machwerk, das allerdings gut zu der Belagerungsrhetorik und den antirussischen Affekten in der gegenwärtigen Ukraine passt.

„Das Komitee wurde danach aufgelöst, meinem Film aber, der mehr internationale Auszeichnungen bekommen hat als jemals ein anderer aus diesem Land, hat das nichts mehr geholfen.“ Man kann also sagen, dass sich in der Auseinandersetzung um „The Tribe“ tatsächlich eine alte und eine neue, zivilgesellschaftliche Ukraine gegenüberstanden. Zugleich sprengt der Film aber ganz eindeutig diese Zusammenhänge, denn mit seiner Ästhetik und seiner experimentellen Konzeption ist Slaboshpitsky eindeutig auf der Höhe des avancierten Weltkinos.

Für einen Oscar wäre sein Film wohl ohnehin nicht in Frage gekommen, zu anstößig ist das, was hier gezeigt wird. Für ihn selbst aber stehen nun alle Türen offen, es sieht stark danach aus, als wäre der erste Star des Kinos der postsowjetischen Ukraine auch schon auf dem Absprung. „Vielleicht mache ich den nächsten Film auf Englisch.“ Es ist ein „vielleicht“, das wie ein „vermutlich“ klingt. Hollywood und Porno, dazwischen ist eben doch eine Menge möglich.

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