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The Last Week of the Proms (2) : Feine Filetarbeit aus echtestem Seemansgarn

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Schon vor hundert Jahren war im letzten Promenadenkonzert der Londoner Saison „Rule Britannia“ zu hören, und schon damals hat das Publikum wohl mitgesungen. Nun gab es eine Reprise der Last Night of the Proms des Jahres 1910.

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          Autohupe von 1910! Die haben sie bestimmt nicht! Sollte Paul Daniel das den Musikern des BBC Concert Orchestra bei der Probe zugerufen haben, so kennt er seine „Promenaders“ schlecht. Dem wohlbekannten munteren Thema des „Sailor's Hornpipe“ tief unten auf dem Podium der Royal Albert Hall antwortet vom Oberrang der fast noch besser bekannte Doppelquietschlaut, und so fröhlich knarzt die Druckluft beim Entweichen, als hätte sie tatsächlich ein Jahrhundert lang auf diesen Moment gewartet. Offenkundig hat ein fanatischer Amateurmusiker das Instrument im Automobilmuseum abgeschraubt, vielleicht bei einem noch von Gottlieb Daimler persönlich gebauten Kraftfahrzeug - denn in der Jugendzeit der Promenadenkonzerte kamen die Wunderwerke der Technik ebenso wie die Meisterstücke der Tonkunst aus Deutschland.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der letzte Sonntag der 116. Saison ist zu Ehren des Gründers der Proms als Henry Wood Day ausgewiesen, und am Nachmittag, sechs Tage vor der Last Night of the Proms, gibt es eine Reprise der von Wood dirigierten Last Night des Jahres 1910. Damals, als die Last Night noch nicht Last Night hieß, sondern einfach das Abschlusskonzert war, stand Woods „Fantasia on British Sea Songs“ schon auf dem Programm. Oder muss man sagen: noch? Das maritime Medley gehört zur Last Night, wie man sie aus Funk und Fernsehen kennt, zusammen mit Edward Elgars erstem „Pomp and Circumstance“-Marsch, William Blakes „Jerusalem“ mit der Melodie von Hubert Parry und „God Save the Queen“. Die letzte Station von Woods Meeresrundfahrt ist „Rule Britannia“, zu Elgars Melodie wird „Land of Hope and Glory“ von A. C. Benson gesungen - gelegentlich spricht man von den vier englischen Nationalhymnen. In diesem Jahr fehlt Woods Fantasie auf dem Programm der Last Night, wie schon in der vergangenen Saison.

          Transparente für den Dirigenten

          „Rule Britannia“ ist nicht ausgemustert worden, wird freilich auch nicht in glänzender Isolation dargeboten, sondern erhält einen neuen, transatlantischen Konvoi: zwei Nummern aus Hans Zimmers Filmmusik zu „Pirates of the Caribbean“, darunter ein „Hornpipe“. In der Neuauflage des Finales von 1910 regiert Mr. Wood - wie er damals noch hieß, ein Jahr vor dem Ritterschlag - wieder unbeschränkt, und so wird die „Fantasia on British Sea Songs“ ohne die von Sir Malcolm Sargent in den fünfziger Jahren vorgenommenen Kürzungen aufgeführt. Mit Bedauern nimmt man zur Kenntnis, dass die Seeliedparade auch im Original keine Variation über Samuel Taylor Coleridges „Fluch des Albatros“ enthält.

          Patriotische Phantasieprodukte in der Royal Albert Hall

          Sargent, insoweit der Karajan der Proms, erkannte die Chancen des Fernsehens. Die Last Night von 1947 war das erste im englischen Fernsehen übertragene Konzert. In der Musikredaktion der BBC fürchtete man, Scheinwerfer und Kameras würden die Musiker und den Dirigenten stören. Sargent aber ließ sich von der Welle des Jubels emportragen und genoss den Gedanken, dass sie auch in die Wohnzimmer schwappte. Später brachten seine Fans Transparente mit ins Stehplatzrund unterhalb des Dirigentenpults, als wäre diese „Arena“ ein Fußballstadion. Beim Gedenkgottesdienst für Sargent war ein Schiff der Westminster Abbey für Proms-Abonnenten reserviert. Wie das gotische Parlamentsgebäude von Westminster aus viktorianischer Zeit und nicht aus dem Mittelalter stammt, so gehen die auffälligsten Bräuche des letzten Abends von Sir Henry Woods Promenadenkonzerten nicht auf Wood, sondern auf Sargent zurück.

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