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Kolumne: The Last Week of the Proms (1) : Heitere Gelassenheit im Sitzen und Stehen

Gelebte Demokratie: „Promenaders” in der Royal Albert Hall Bild: dpa

Eine Woche vor dem Abschlusskonzert der legendären Londoner Promenadenkonzerte dirigiert Sir Simon Rattle in der Royal Albert Hall die Berliner Philharmoniker mit den Fünf Orchesterstücken von Arnold Schönberg. Bei der Uraufführung war noch gelacht und gezischt worden.

          5 Min.

          Die musikalische Bildung ist ein Spaziergang. Das ist die revolutionäre Idee der Londoner Proms, der Promenadenkonzerte, die der Dirigent Henry Wood vor hundertfünfzehn Jahren erfunden hat. Henry Wood wurde 1869 geboren und starb 1944. Volkstümliche Konzerte, die man im Vorübergehen konsumierte, hatte es in London schon vorher gegeben.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Man spazierte hinein, nahm Marschmusik, Balladen und die schönsten Leckerbissen der größten Komponisten zu sich und spazierte wieder hinaus. Und weil's so schön gewesen war und ein Ticket nicht viel kostete, kam man wieder. Mit dieser Freude an den bekannten Genüssen machte Wood sein Geschäft. Die Konzerte, die er den Sommer hindurch veranstaltete, wenn die feine Welt London verlassen hatte, wurden nicht subventioniert. Sein Orchester, das jedes Konzert der Saison bestritt, musste sich selbst ernähren.

          Musikkenner verfluchten damals den Da-Capo-Ruf als Erkennungszeichen des unkultivierten Geschmacks: Die Masse wollte dasselbe noch einmal hören, weil es nichts kostete, wie manche Gäste im Restaurant auch dann einen Nachschlag vom Dessertwagen nehmen, wenn der Magen voll ist. Wood wünschte sich Zuhörer, die nicht nach jeder vollsaftigen Darbietung ein „encore“ verlangten. Aber er ließ sich auf ihre Lust an der Wiederholung ein, um sie auf den Geschmack an der Abwechslung zu bringen. Der Appetit kam beim Hören: Das Prinzip der Programmgestaltung der Promenadenkonzerte war die Repertoirepflege, die Wiederbegegnung mit den symphonischen Hauptwerken der Klassik und Romantik; die Vertrautheit mit dem Bekannten sollte empfänglich machen fürs Neue. Sein Orchester erzog Wood eigentlich gar nicht anders als sein Publikum. Für Proben war nicht viel Zeit; indem man den ganzen Sommer über an jedem Werktag ein Konzert gab, wuchs die Sicherheit, mit der man dann auch Unbekanntes vom Blatt spielen konnte.

          Töne wie zur Fütterung

          Die Proms hatten und haben etwas Zirzensisches. Während der Darbietungen nahm man Erfrischungen zu sich. Wie Akrobaten wurden die Sänger gefeiert, wie ein Raubtierbändiger der Dirigent. Zu den Sensationen, mit denen Wood Werbung machte, gehörten die Novitäten. Am 3. September 1912, ein Jahr, nachdem er, gerade zweiundvierzig Jahre alt, zum Ritter geschlagen worden war, brachte Henry Wood die Fünf Orchesterstücke op. 16 von Arnold Schönberg zur Uraufführung. Unruhe auf den billigen Plätzen war das charakteristische Hintergrundgeräusch der Promenadenkonzerte, unterschied sie von Konzerten für stillsitzendes Publikum. Unerhört aber, was an diesem Abend geschah: Große Teile des Saales ließen sich mit anhaltendem Gelächter und Zischen vernehmen. Ähnliches hatte Wood bei der Probe wohl schon von den Musikern hören müssen. Er rief sie auf, sie sollten sich zusammenreißen: „Das ist noch gar nichts gegen das, was Sie in fünfundzwanzig Jahren spielen werden!“

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