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Kino : Ästhetisierend: „The Golden Bowl“

Uma Thurman, Jeremy Northam und Kate Beckinsale in „The Golden Bowl” Bild: movienet

Immer erlesen: James Ivory hat mit großem Staraufgebot den letzten Roman von Henry James verfilmt.

          Es ist ja nicht wahr, dass große Literatur nicht verfilmt werden kann. Sie kann. Nur eben nicht als große Literatur.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was mit einem Buch geschieht, wenn es, wie man freundlicherweise sagt, "adaptiert" wird, kann man am besten mit jenem Vorgang vergleichen, der aus der Kaffeebohne das beliebte wasserlösliche Pulver macht - es wird zermahlen, eingekocht und schockgefroren. Und am Ende bleibt: die Essenz. Die des Buches, wenn es gut läuft. Und wenn es schlecht läuft? Dann bleibt etwas übrig, was man als den Muckefuck der mittleren Literaturverfilmung bezeichnen könnte, ein Odeur aus staubigen Kleidern und schlecht gelüfteten Dialogen, ein Hautgout von biederem Banausentum.

          Den amerikanischen Regisseur James Ivory, der seit nunmehr fast fünfundzwanzig Jahren mit großer Standhaftigkeit Romane von E. M. Forster, Henry James und Kazuo Ishiguro verfilmt, wird niemand irgendeiner Geschmacksverirrung bezichtigen können. Viel zu raffiniert sind die Kulissen und Kostüme, viel zu gut ausgesucht die Schauspieler, mit denen er den Glanz der Bücher auf die Leinwand holt. Schon die Mitteilung, dass Ivory Amerikaner ist, weckt Befremden - gibt es doch unter den Regisseuren seines Landes keinen, der europäischer wirkte als er. Darin gleicht er dem Schriftsteller Henry James, dessen Werk er schon mit den "Europäern" (1979) und den "Damen aus Boston" (1984) fürs Kino fruchtbar gemacht hat und dem er nun mit der "Goldene Schale" ein weiteres Denkmal setzt. James, der von den adligen und großbürgerlichen englischen Kreisen, in denen er verkehrte, zeit seines Lebens für einen typischen Amerikaner gehalten wurde, galt seinem amerikanischen Lesepublikum als Inbegriff europäischer Kultiviertheit. Tatsächlich war er wohl beides zugleich: ein Amerikaner europäischen Stils.

          Und Ivory? Sein Film "Die Goldene Schale" beginnt mit einem Ausflug in die italienische Renaissance. Zwei Liebende, Stiefsohn und Stiefmutter, liegen miteinander im Bett, der eifersüchtige Vater und Ehemann spürt sie auf und lässt sie enthaupten. Dann sind wir im Jahr 1903, auf den Zinnen desselben Schlosses bei Rom, in dem die Bluttat geschah, und Amerigo (Jeremy Northam), der Schlossbesitzer, gibt seiner amerikanischen Geliebten Charlotte (Uma Thurman) den Abschied. "Hier haben sie das Geld verschwendet, das ich hätte erben können."

          Darum geht es, um Geld und Blut und Liebe, aber "Die Goldene Schale" wäre kein Roman von Henry James und kein Film von Ivory, wenn dies alles nicht mit größter Behutsamkeit dargeboten würde. Von der Enthauptung sieht man nur ein Schattenspiel, und von dem großen Spiel um sense und sensibility, das anschließend beginnt, bekommt man immer nur eine Spiegelung zu sehen, den Widerschein innerer Brände auf den fahlen Wassern eines Frauen- oder Männergesichts. Nur einmal, in der Mitte des Films, erblickt man zwei nackte Körper, und gerade dies ist die Szene, die man in der "Goldenen Schale" am ehesten entbehren kann. Denn die Seelen sind nackt genug.

          Ivory mischt die Karten neu

          Um seinen Palazzo zu retten, muss Fürst Amerigo sich verheiraten - mit Maggie (Kate Beckinsale) der Tochter des amerikanischen Milliardärs Adam Verver (Nick Nolte), der in Europa Kunstwerke für sein geplantes Großmuseum in New York aufkauft, das bei James vielsagend "American City" heißt. Aber auch Charlotte muss heiraten, um in Amerigos Nähe bleiben zu können - prompt angelt sie sich, in einer so verzweifelten wie verständlichen Volte, den alten Verver. Zwei Jahre nach dem Vorspiel streifen der Fürst und seine alte Flamme, die Ververs im Schlepptau, wieder durch das römische Gemäuer. Es kommt, wie es kommen muss, nur geht es diesmal ganz anders aus als zu Dantes Zeiten.

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