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„The Fear“ und „Ripper Street“ : Keine Angst, der Mörder hat längst alles vergessen

Kuscheln oder killen, das ist für ihn die Frage: In „The Fear“ kämpft der Verbrecher Richie Beckett (Peter Mullan) gegen sein durchlöchertes Gedächtnis Bild: Cathal Macllwaine/ ZDF

Ein knallharter Gangster, der an Alzheimer leidet. Dazu Polizisten, die Jack the Ripper jagen: ZDFneo zeigt zwei britische Krimi-Serien, die den Vergleich mit „Breaking Bad“ nicht fürchten müssen.

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          Der Tag beginnt gut für Richie Beckett. Sehen wir einmal von der Champagnerdusche ab, die seinen feinen Zwirn versaut. Auf dem Brighton Pier gibt es etwas zu feiern. Der in Sichtweite vor sich hin rostende West Pier, ein monströses Stahlskelett, soll in neuem Glanz erstrahlen. In Richies Büro steht schon ein türkisblau ausgeleuchtetes Modell, das an eine schicke Raumstation erinnert. Der Bürgermeister ist begeistert, ein strahlender Tag an der Promenade.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auf der Rückfahrt in sein Domizil zeigt der Herr im Anzug sein anderes Gesicht. Ein Radfahrer lehnt an seiner Luxuskarosse. Richie steigt aus und drischt auf den jungen Mann ein, dann setzt er sich wieder. Wenig später kann er sich an nichts erinnern. Wieso seine Hand blutet – das weiß er nicht.

          Papa, kannst du mich rächen?

          Seine Söhne Cal und Matty haben auch ein Problem. Sie wollen mit der albanischen Mafia ins Geschäft kommen, die Frauen und Drogen ins Land schmuggelt. Die Umgangsformen der vermeintlichen Geschäftspartner sind ausgesprochen unfein. Von der jungen Frau, mit der sich Matty vergnügte, hinterlassen sie auf seiner Liegestatt nur den Kopf und die Hände. Falls die Polizei nach dem Täter des bestialischen Verbrechens suchte, würden sie mit dem Rumpf des Mädchens herausrücken, Mattys DNA inklusive. Ein grausames Faustpfand.

          Da muss der alte Richie es wohl richten, der nicht immer ein Hotelbesitzer und Galerist, sondern in seinem früheren Leben ein knallharter Gangster war. Doch bekommt er die Gegenwart und seine Vergangenheit nicht mehr richtig sortiert. Immer wieder erscheint ihm eine junge Frau, das Treffen mit den Albanern verwandelt er mit einem Wutausbruch in einen irrwitzigen Showdown. Über den Gegenschlag der Mafia, mit der er sich anlegt, muss er sich nicht wundern. Er wundert sich aber, denn er hat vergessen, was los war.

          Die Idee des Drehbuchautors Richard Cottan zu der Serie „The Fear“ ist bestechend. Er verhandelt das Thema Alzheimer nicht im üblichen bürgerlichen Rahmen, sondern in einem Thriller. Für jemanden wie Richie ist das schleichende Vergessen nämlich eine ganz besondere Katastrophe – mit so vielen Leichen im Keller, die in seiner bruchstückhaften Erinnerung auftauchen. Er wird unberechenbar und zur Gefahr – für sich und für seine Familie.

          In der Mode viktorianisch, im Ermittlungsstil auf neuestem Stand: Inspector Edmund Reid (Matthew Macfadyen, rechts) und Sergeant Bennet Drake (Jerome Flynn)

          Peter Mullan spielt diesen Richie meisterhaft. Von einer Sekunde zur anderen verwandelt er diesen Mann von einem hart kalkulierenden Ex-und-wieder-neu-Gangsterboss in ein Häufchen Elend. Mullan transportiert den Wandel allein mit seiner Mimik. Man liest in seinem Gesicht wie in einem Buch, dessen Seiten durcheinandergeraten sind. Der Anti-Held versteht seine eigene Geschichte nicht mehr. Eben noch hat er zur Waffe gegriffen, da steht er vor dem Schlafzimmer seiner Frau Jo (Anastasia Hille), die ihn als Ehemann längst abgeschrieben hat und will was? „Nur kuscheln.“

          Richard Cottan, der neben Michael Samuels bei der Serie auch Regie führte, die in Großbritannien im Sender Channel4 lief, inszeniert das nach allen Regeln der Kunst. Die Briten zeigen, dass sie, in etwas bescheidenerem Rahmen, können, was die Amerikaner den Europäern sonst vormachen: eine packende Fernsehserie, an der alles stimmt – die Charaktere, der Hintergrund, die Geschichte eines Mannes, der nicht nur äußerlich an Walter White aus „Breaking Bad“ erinnert. Auch Richie Beckett ist auf dem Weg nach ganz unten. Er weiß es nur nicht. Oder nicht mehr.

          ZDFneo, wo „The Fear“ am Montag beginnt, hat gleich noch eine zweite außergewöhnliche britische Serie im Angebot, diesmal von der BBC: In „Ripper Street“ ermitteln Inspector Edmund Reid (Matthew Macfadyen), Sergeant Bennet Drake (Jerome Flynn) und der Arzt Homer Jackson (Adam Rothenberg) im London des Jahres 1889 zu Verbrechen, die aussehen, als habe sie Jack the Ripper begangen. Die Taten sind von ausgesuchter Grausamkeit, die Ermittler in ihren Methoden nicht zimperlich und auf dem neuesten Stand.

          Sie erscheinen wie Vorväter des Expertentums, das aktuelle Krimis auszeichnet – quasi als Zeitreisende, mit denen die BBC einen eleganten Bogen von heute in das verrußte London des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts schlägt. Das ist von ausgesprochener Kunstfertigkeit und hat einen Thrill, den „The Fear“ allerdings noch überbietet. Den britischen Krimiabend von ZDFneo sollte man sich für die nächsten Wochen vormerken.

          Ripper Street beginnt am Montag um 22 Uhr,

          The Fear um 22.50 Uhr bei ZDFneo.

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