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Spielfilm über Wallace : Was soll eigentlich dieses Bandana?

  • -Aktualisiert am

Kaum wiederzuerkennen: Jason Segel mit Bandana und Brille als David Foster Wallace in „The End of the Tour“. Bild: Sony Pictures

Zwei Super-Nerds im Auto: „The End of the Tour“ ist ein gewagter Spielfilm über den Schriftsteller David Foster Wallace und einen hartnäckigen Interviewer.

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          Wie wäre es, den gerade angesagtesten Schriftsteller der Zeit für ein mehrtägiges Interview tief in seiner Privatsphäre zu treffen und festzustellen, dass er ein ziemlicher Freak voller Selbstzweifel ist? Und wie, wenn er einen dann auch noch in seinem etwas fusseligen Gästezimmer übernachten ließe mit der Bitte, die Tür aufzulassen, damit seine Hunde durch die Wohnung laufen können, und wenn diese Hunde einen dann mitten in der Nacht abschlecken kämen?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie das wäre, wollte der Journalist und Schriftsteller David Lipsky im Frühjahr 1996 eigentlich für eine Reportage im „Rolling Stone“ ergründen. Ihr Gegenstand war David Foster Wallace, der mit „Infinite Jest“ gerade den großen amerikanischen Roman der neunziger Jahre vorgelegt hatte und damit auf Lesereise durch die Vereinigten Staaten war. Lipsky begleitete den plötzlich mehr als berühmt gewordenen Kollegen Wallace auf dem letzten Stück durch den verschneiten mittleren Westen und kam auch in seinen abgelegenen, unspektakulären Bungalow nach Bloomington, Illinois.

          Auf keinen Fall kokett erscheinen!

          Die Reportage erschien damals nicht. Aber nachdem David Foster Wallace sich 2008 das Leben genommen hatte, machte Lipsky ein ganzes Buch daraus. „Although of Course You End Up Becoming Yourself“ ist das Protokoll eines fünftägigen Roadtrips – es ist ein rastloses Buch, das wie ein mitstenographiertes Gespräch zweier Super-Nerds wirkt, die im Auto, an Tankstellen und in Fast-Food-Restaurants sich keine Sekunde Pause gönnen, Lipsky vergleicht Wallace mit einem Koffein-Kick. Und so geht es quer durch die amerikanische Kultur, von Scooby-Doo bis zu Nabokov, von Metafiktion bis zu den Einzelwerken von Wallace – und außerdem besprechen die beiden noch so ziemlich jeden amerikanischen Kinofilm ihrer Zeit.

          Kann ein solches Buch selbst zu einem Spielfilm werden? James Ponsoldt hat mithilfe des Dramatikers Donald Margulies versucht, einen daraus zu machen, aber einen deutschen Kinostart traut man einem solchen Thema wohl gar nicht erst zu, weswegen das Werk nun auf DVD bei uns erscheint. Im Grunde ist auch ganz gut, dann kann man gleich die englische Tonspur anschalten. „What’s with the bandana?“ fragt Lipsky einmal Wallace, anspielend auf dessen zum Emblem gewordenes Kopftuch, und stürzt den grüblerischen Autor damit in ein Dilemma. Denn Wallace denkt schon während des Gesprächs permanent daran, wie er in dessen Niederschrift dann wirken wird, er möchte auf gar keinen Fall kokett erscheinen, erst recht nicht, als nutze er eine Story im „Rolling Stone“, um Bücher zu verkaufen.

          Sucht und Depression

          Und es dauert nicht lang, bis er zu Lipsky sagt: „I would love to do a profile on one of you guys who do profiles on me – or would that be too pomo and cute?“ Für den postmodernen Beobachter der Beobachter, als der sich Wallace besonders in seinen Essays erwiesen hat, wäre es natürlich reizvoll, den Spieß umzudrehen. Aber Lipsky hat – hier muss der Film zwangsläufig reduzieren – leider auch eine ganz klare Agenda, er soll Wallace nämlich für eine gute Story vor allem nach dessen Süchten und Depressionen befragen. Lipsky macht darum einen ziemlichen Eiertanz, und Wallace lässt ihn geschickt auflaufen: Als es etwa um die Anonymen Alkoholiker geht, die eine bedeutende Rolle im Roman „Infinite Jest“ spielen, sagt der Autor kühl, er wisse darüber nur Dinge aus zweiter Hand.

          Jason Segel (bislang am ehesten bekannt durch die Serie „How I Met Your Mother“) erreicht, bei weitem nicht nur durch die Kopftuch-Verkleidung, eine erstaunliche Verwandlung und zeigt uns Wallace in einer großen Weichheit, bei der natürlich der Zuschauer das Wissen um dessen späteren Suizid zu keiner Zeit ausblenden kann. Aber er gibt ihm auch eine gewisse Undurchdringlichkeit, die unerwünschte Angriffe des Interviewers mit großen Kinderaugen einfach zurückgibt: „Is that a question to me?“

          Durch und durch Journalist

          Öfter fragt man sich, warum dieser Film auch soviel von David Lipsky handelt – aber dann muss man zunehmend einräumen, wie gut Jesse Eisenberg hier den beflissenen Zuhörer gibt, dem, so oft Momente der Verbrüderung mit Wallace in der Luft liegen, doch kaum zu trauen ist. Ständig signalisiert seine Mimik aufgesetzte Zustimmung, doch sobald er sich allein in Wallaces Badezimmer befindet, inspiziert er die Medikamente im Schrank und notiert alle ihre Namen. So wächst der Film über das Biopic-Genre hinaus und wird zur bösen Beobachtung von Literaturbetrieb und Journalismus.

          Den Foster-Wallace-Essay über diese Begegnung hätten wir liebend gern auch noch gelesen. Aber der Film ist nicht von schlechten Eltern und wird sogar stellenweise komisch – als Lipsky sagt, ein Einkauf gehe auf seinen Spesen, legt Wallace ein paar Marshamallows mehr aufs Band –, und dann auch dramatisch, als sich die beiden wegen einer Frau in die Haare kriegen, woraufhin alle Masken fallen und offener Schlagabtausch beginnt. Ob sich das wirklich so zugetragen hat: Wer weiß? Aber wenn nicht, dann ist es gut erfunden.

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