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Thanksgiving : Was feiern wir heute, wenn wir feiern?

  • -Aktualisiert am

Zu Thanksgiving mit den üblichen Beilagen: Süßkartoffeln, Cranberrysauce und Kürbiskuchen Bild: Frank Röth

Amerikaner in aller Welt feiern heute Thanksgiving. Der Feiertag ist ein Spiegel der Sitten - und wird von mysteriösen Ritualen begleitet. Zum Wert eines besonderen Fests.

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          Am heutigen Donnerstag feiern Amerikaner in aller Welt Thanksgiving. Kein amerikanischer Feiertag ist für Europäer Anlass zu größerer Verwunderung. Was genau bedeutet dieses Fest? Zunächst einmal ist es ein gänzlich weltlicher Feiertag. In England kamen Erntedankfeste weithin als Folge der Abschaffung traditioneller religiöser Feiertage im Jahr 1536 auf. Thanksgiving ist jedoch nicht nur ein areligiöser, sondern geradezu ein bürgerlicher Feiertag.

          Erntedankrituale finden sich in allen Religionen, und die Ersten, die das Fest in Amerika feierten, waren die tiefreligiösen Pilgerväter sowie Mitglieder des Wampanoag-Stammes, aber die Pilgerväter nahmen wahrscheinlich die bürgerlichen Feiern zum Vorbild, die man in Leiden zum Gedenken an das Ende der Belagerung der Stadt 1574 veranstaltete. George Washington erklärte Thanksgiving 1789 zum nationalen Feiertag.

          Ein Tag, an dem entschieden zu viel gegessen wird

          Trotz der offenen Religiosität vieler Amerikaner ist Thanksgiving ein Fest, an dem jeder sich unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit beteiligen kann, ohne das Gefühl zu haben, ausgeschlossen zu sein. Außerdem verlangt es keine beschwerlichen Rituale wie Buße oder Fasten. Ganz im Gegenteil, es ist ein Tag, an dem entschieden zu viel gegessen wird – eine weitere amerikanische Tradition.

          Ich werde nie den Tag vergessen, an dem meine Großmutter, die die Weltwirtschaftskrise, die Inflation in Deutschland und die deutschen Luftangriffe auf London erlebt hatte, in einem jüdischen Delikatessenladen in New York ihr erstes Pastrami-Sandwich aß. Das Brot fiel fast um, so viel Fleisch lag darauf. Sie verteilte es gerecht auf uns sechs, die wir mit ihr am Tisch saßen.

          Thanksgiving ist andererseits mit zahlreichen Unannehmlichkeiten verbunden. Es liegt zu dicht an Weihnachten. Eltern, die ihren Kindern einen Flug von weit entfernten Orten nach Hause zahlen müssen, klagen darüber, dass die Kinder zurück zu ihrem College eilen müssen, um dann eine oder zwei Wochen später wieder ein Ticket für den Heimflug zu benötigen. Die Straßen sind verstopft, die Schlangen an den Flughäfen lang. Der Sonntag nach Thanksgiving ist der verkehrsreichste Reisetag des Jahres.

          Thanksgiving hat weitere mysteriöse Rituale hervorgebracht. Jedes Jahr begnadigt der Präsident einen glücklichen Truthahn. Aber 45 Millionen andere werden gebraten, begossen, gestopft, zerlegt und anschließend mit den üblichen Beilagen verschlungen: Süßkartoffeln, Cranberrysauce und Kürbiskuchen. Die Zahl der in den Vereinigten Staaten gezüchteten Truthähne reicht jedes Jahr an die 250 Millionen heran, bald wird es im Land mehr Truthähne als Menschen geben.

          Diese Zahl allein reichte aus, um einen zum Vegetarier werden zu lassen. Thanksgiving ist ein beweglicher Feiertag, der auf den letzten Donnerstag im November fällt. Der Freitag danach wird auch der „Schwarze Freitag“ genannt, weil der Einzelhandel an diesem Tag mit einem hohen Umsatz rechnen kann und deshalb erwarten darf, das Jahr mit schwarzen Zahlen abzuschließen. In diesem Jahr werden viele Geschäfte schon an Thanksgiving öffnen.

          Jedermann könne teilnehmen

          Thanksgiving ist auch ein Spiegel der amerikanischen Sitten. In Plymouth, der ersten Siedlung der Pilgerväter, versammelten sich in den letzten Jahren Demonstranten und forderten, Thanksgiving zu einem nationalen Trauertag zu erklären – zum Gedächtnis an die vertriebenen amerikanischen Ureinwohner. Solche Proteste widersprechen zutiefst dem Gefühl, dass Thanksgiving ein Feiertag aller Amerikaner sei, an dem jedermann teilnehmen könne. Insgesamt jedoch wird man sicher sagen können, dass Thanksgiving bleiben wird.

          Welche Probleme es auch geben mag, in Amerika haben Rasse, Religion, nationale Herkunft und zunehmend auch sexuelle Orientierung zumindest im Prinzip (wenn auch leider nicht immer in der Praxis) keinen Einfluss darauf, ob man ein vollgültiges Mitglied der Gesellschaft ist. Trotz offener Zurschaustellung von Religiosität ist Amerikas Credo doch seinem Wesen nach bürgerlicher Natur. Die Staatsbürgerschaft basiert nicht auf der Abstammung, sondern auf der Verpflichtung gegenüber einem Stück Papier, der Verfassung.

          Niemand hat das besser zum Ausdruck gebracht als George Washington; er schrieb nach einem Besuch bei der jüdischen Gemeinde von Newport, Rhode Island – der zweitältesten von Amerika, die etwa 1658 gegründet wurde –, am 17.August 1790 an seine jüdischen Mitbürger, deren Familien schon damals vor der Verfolgung in Europa geflohen waren: „Heute spricht man von Toleranz nicht mehr so, als bestünde sie darin, dass eine Klasse von Menschen gnädig duldet, dass eine andere ihre natürlichen Rechte ausübt, denn die Regierung der Vereinigten Staaten, die dem Fanatismus und der Verfolgung keinen Vorschub leistet, verlangt glücklicherweise nur, dass jene, die unter ihrem Schutz leben, sich als gute Bürger erweisen, indem sie ihr stets wirkungsvolle Unterstützung gewähren.“

          Auch nach mehr als zwei Jahrhunderten ist das in Washingtons berühmtem Brief formulierte Ideal keine Tatsache, sondern bleibt ein erst noch zu verwirklichendes Ziel. An Thanksgiving können wir, falls wir denn der Freiheit widerstehen, die ganze Nacht mit Einkaufen zu verbringen, einen Augenblick innehalten und für die wirklich wichtigen Freiheiten danken.

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