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Terroranschläge in Amerika : Wer ein Märtyrer ist, ist unter Muslimen umstritten

  • -Aktualisiert am

Eine Reihe muslimischer Theologen hält Selbstmordattentäter für dumpfe Selbstmörder. Doch die Mehrzahl denkt anders.

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          Das Abendland hat zwar keinen Grund, mit dem Finger auf muslimische Länder zu zeigen. Zur „Befreiung“ christlicher Stätten im Heiligen Land griff Europa einst zu massiver kriegerischer Gewalt. Und niemand vernichtete im 20. Jahrhundert mehr Menschenleben als die christlichen Länder. Aber zumindest heute gibt es religiös begründete Gewalt nur noch in wenigen „christlichen“ Weltregionen: in Noridirland etwa oder vor kurzem noch auf dem Balkan, wo christliche Serben im Kosovo muslimische Frauen vergewaltigten oder noch schlimmere Verbrechen begingen.

          Wer die Geschichte der arabischen Völker nachliest, dem fällt auf, dass der Islam in den Anfangsjahren mehr mit dem Schwert verbreitet wurde als der christliche Glaube in der Zeit des frühen Christentums. Anders als Buddha und Christus setzte der Religionsstifter Mohammed zur Verbreitung seiner Heilsbotschaft auch militärische Mittel ein.

          Nachdem der Kaufmanns-Sohn in Mekka seiner Predigten wegen verfolgt wurde und daher 622 nach Medina fliehen musste (mit diesem Ereignis beginnt die muslimische Zeitrechnung) begann er von dort die Rückeroberung Mekkas. Er versammelte in Medina eine ganze Anzahl von Anhängern um sich, die in ihm einen Propheten Gottes erkannten. Mit ihnen zusammen setzte er sich gen Mekka in Marsch.

          Er eroberte verschiedene arabische, jüdische und christliche Stämme und marschierte 630 in Mekka ein. Man darf jedoch aus solchen historischen Ereignissen keine voreiligen Schlüsse ziehen. Über Jahrhunderte war der Islam gegenüber Andersgläubigen toleranter als das Christentum. Christen und Juden durften etwa unter muslimischen Herrschern in Andalusien oder Sizilien ihre Religion frei ausüben. Sie mussten lediglich eine Steuer bezahlen. Entsprechend geringer war unter den Muslimen auch die Sehnsucht nach Missionierung ausgeprägt.

          „Nicht nehmen, was Gott dir gegeben hat“

          Was den Menschen im Westen heute Angst macht, sind die Selbstmordattentäter. Um jemanden zu solchen Handlungen zu treiben gehört jedoch mehr dazu als Religion. Ein individuelles oder kollektives Gefühl von Bedrohung oder Benachteilung muss mit im Spiel sein.

          Einen Anreiz für Selbstmordattentäer stellt der Märtyterbegriff des Islams dar. Anders als im Christentum ist nach Auffassung vieler Muslime im Islam auch derjenige ein Märtyrer, der andere Menschen mit in den Tod reißt. Diese Position wird unter den Theologen jedoch durchaus nicht einhellig vertreten. Seit der neuen Welle von Selbstmordattentaten im Nahen Osten ist diese dem christlichen Opferbegriff so gar nicht entsprechende Definition eines Märtyrers heftig diskutiert.

          Die Frage lautet: Ist ein Selbstmordattentäter ein Märtyrer oder einfach ein Selbstmörder und damit ein großer Sünder? Selbstmord wird vom Koran verurteilt. Dort heißt es, man dürfe sich nicht neben, was Gott einem gegeben habe. Und tue man es doch, erwarte einen die Strafe Gottes. Auf diesen Aussagen im Koran wies im Frühjahr der Mufti Saudi-Arabiens, Abdel Aziz Ass-Scheich, seine Theologen-Kollegen hin.

          Theorien der Schlacht

          Diese Auffassung wird von den meisten Geistlichen nicht geteilt. Die Mehrzahl der Theologen im Nahen Osten orientiert sich an der Islam-Intepretation des verstorbenen Scheichs Muhammad Al-Ghazali. Er sagte, wer in die Schlacht gehe, wisse nicht, ob er zurückkomme oder dort sterbe. Wer dagegen mit dem Vorsatz in den Kampf ziehe, sich vor seinen Feinde selbst in die Luft zu sprengen, sei ein Märtyrer.

          Die meisten Theologen, etwa Großscheich Muhammad al-Tantawi von Kairo, betonen, dass man nur die in den Tod reißen darf, von denen man direkt bekämpft wird. Wer Unbeteiligte in die Luft jage, dem stehe Gottes strenges Gericht bevor. Ein Märtyrer sei so jemand nicht. Manche Geistliche berufen sich auf die Koran-Sure: "Und rüstet, so viel ihr an Kriegsmacht aufzubringen vermögt, damit ihr Gottes und eure Feinde einschüchtern könnt", auch wenn „Einschüchterung“ nicht gleichbedeutend mit Töten ist.

          „Oft werden Verse aus dem Zusammenhang gerissen“, beklagt der Bonner Islam-Wissenschaftler Navid Kermani, der ein beeindruckendes Buch über die Poesie im Koran geschrieben hat. Kermani versichert: „So etwas wie die Anschläge in New York und Washington wird vom Koran mit Sicherheit nicht gutgeheißen.“

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