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Erfundener Anschlag : Sinnloser Terror

Der Betreiber des „Rheinneckarblogs“ hatte eine sehr schlechte Idee: Er hat eine Geschichte über den „bisher größten Terroranschlag in Westeuropa“ erfunden.

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          In Mannheim habe sich ein Anschlag ereignet, mit „136 Toten“ und „237 verletzten Personen“, heißt es in dem als „Gonzo-Journalismus“ ausgegebenen Beitrag des Rheinneckarblogs, der in der Nacht zu Sonntag online gestellt wurde und für Verunsicherung und wütende Kommentare sorgte. Die Polizei dementierte schnell: „Der geschilderte Sachverhalt ist nicht real.“ Den Polizeipräsidenten und den Oberbürgermeister habe man vorab in Kenntnis gesetzt, schreibt der Chefredakteur des Blogs, Hardy Prothmann, in einer nachgeschobenen Erklärung. Die beiden rieten von der Publikation dringend ab, aus gutem Grund.

          Denn was der Journalist angeblich erreichen wollte – „Aufmerksamkeit“ schaffen, „für mögliche Bedrohungslagen, aber auch für Fake News“ –, verkehrt sich durch die Wahl des Mittels ins Gegenteil. Es ist eine Einladung für Verschwörungstheoretiker. „Lügenpresse“-Rufer, die meinen, die Presse unterdrücke unbequeme Wahrheiten, können sich ebenso bestätigt fühlen wie jene, die in der Berichterstattung über Terror, insbesondere den islamistischen, oder Gewalttaten, insbesondere jene von jungen Zuwanderern, sogleich rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen ausmachen. Zu welchen Reflexen das führt, konnte man bei der Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln (und andernorts) 2015 sehen wie auch bei den Gewalttaten der jüngeren Vergangenheit, etwa dem Mord an einem fünfzehnjährigen Mädchen durch einen aus Afghanistan stammenden jungen Mann in Kandel.

          Journalisten sind gut beraten, weder die eine noch die andere Seite zu befeuern, sondern zu berichten, was ist. Der islamistische Terror ist real, er hat in Europa Hunderte Opfer gefordert, in Paris, Brüssel, Nizza, London und Berlin und gerade erst in der südfranzösischen Kleinstadt Trèbes. Allein bei den Anschlägen in Paris kamen 130 Menschen ums Leben. Warum muss man dann noch einen Anschlag „mit 136 Toten“ erfinden? Wer für mehr Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Frauen oder unter Jugendlichen sorgen will, sollte nicht überschnappen, sondern sich zum Beispiel mit der aktuell für das Familienministerium erstellten Studie „Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland. Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Opfer und Täter“ befassen. Diese benennt die Lage ohne Beschönigung, aber auch ohne Zuspitzung. Dieser „Terroralarm“ in Mannheim aber sorgt nur für sinnlosen Terror im Netz.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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