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Der „Islamische Staat“ vor Arbil : Bis nächste Woche, so Gott will

  • -Aktualisiert am

Eine vertriebene Frau und ihr Kind auf dem Weg zur syrischen Grenze. Für zehntausende ist die Region um Arbil nicht mehr sicher. Bild: REUTERS

Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ greift das Kurdengebiet im Norden des Iraks an. Viele Menschen flüchten nach Arbil, doch etliche andere verlassen die Kurdenhauptstadt.

          Normalerweise hat Nesrin (*) um diese Zeit schon Wochenende. Es ist Donnerstagnachmittag in Arbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Nordirak. Sie erledigt die letzten Handgriffe in ihrem Büro des Goethe-Instituts. Nesrin arbeitet in der deutschen Kultureinrichtung seit ein paar Jahren; sie ist bei den Kursteilnehmern beliebt, weil sie außer Deutsch auch Kurdisch und Arabisch spricht.

          In Kurdistan sprechen die meisten entweder Kurdisch oder Arabisch, selten beide Sprachen. Wann immer Nesrin durch die Kontrollpunkte in Arbil fahren muss, antwortet sie auf Kurdisch und kommt dann ein bisschen schneller durch. Mit den Teilnehmern, die sie für neue Sprachkurse einschreibt, spricht Nesrin Arabisch. Denn viele von ihnen kommen aus dem Süden, aus Bagdad zum Beispiel oder aus Basra.

          Handynummern für den Notfall

          Deutsch hat Nesrin in Bonn und Regensburg gelernt, wo sie 15 Jahre gelebt hat, nachdem sie vor Saddam Hussein geflüchtet war. Sie zählt das eingenommene Geld und prüft anhand der Lichtstreifen die Echtheit. Einmal hatte sie Falschgeld entdeckt, doch heute ist alles in Ordnung. Sie schließt es im Tresor ein. Diese Woche hat das Goethe-Institut viel eingenommen. Dreizehn Personen haben sich für einen Anfängerkurs Deutsch eingeschrieben; bezahlt wird mit amerikanischen Dollar, der irakische Dinar ist nicht stabil genug.

          Ankawa, das reiche, christliche Viertel Arbils, ist für viele nur eine Zwischenstation auf ihrer Flucht vor dem Terror.

          Einige der neu Eingeschriebenen werden von ihrer Anmeldung vermutlich wieder zurücktreten: Der Weg zum Sprachkurs ist nicht ungefährlich; manchmal sind Verwandte von Anschlägen der IS-Terroristen betroffen. Nesrin rückt die Ordner im Regal gerade. „Wenn IS kommt, muss es schließlich sauber sein“, sagt sie und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Es ist Krieg, aber das Lachen ist den Kurden nicht vergangen. Wenn ich Freunde frage, was wir in Arbil machen können, um uns zu schützen, antworten sie „Leg dir ein schwarzes Kopftuch zu, häng die IS-Flagge in dein Wohnzimmer und bereite den Tee vor.“

          Nesrin schließt das Goethe-Institut, tauscht Handynummern mit den Kollegen vom Technischen Hilfswerk, die im selben Gebäudekomplex arbeiten – nur für den Notfall –, und wünscht den Sicherheitsangestellten ein schönes Wochenende. Sie fährt mit dem Dienstauto nach Hause, weil sie es nicht auf offener Straße stehenlassen will. Zu groß ist ihre Sorge, dass es zu Protesten kommt und der Wagen beschädigt werden könnte.

          Blick auf die Zitadelle der Kurdenhauptstadt Arbil. Die Stadt hat über 800.000 Einwohner, manche Beobachter sprechen von bis zu zwei Millionen.

          In Arbil sind Flugblätter des „Islamischen Staates“ aufgetaucht, Mit dem Text: „Arbil, wir kommen.“ Manche glauben, dass die Terrorgruppe ihre Ankündigung wahr machen wird und in wenigen Tagen die Stadt überrennt. Andere vertrauen den Peschmerga, der kurdischen Armee, und fühlen sich in der Hauptstadt sicher. Dass man sich nach dem Wochenende im Goethe-Institut wiedersieht, will mir keiner versprechen.

          Meine Wohnung liegt in Ankawa, dem reichen, christlichen Viertel Arbils. Die Häuser hier stehen auf großen Grundstücken und haben Gärten. Das beliebteste Falafel-Restaurant ist nur drei Minuten entfernt, genau wie die St.-Josef-Kirche. Auf dem Rückweg kann ich der Musik und den Cafés meistens nicht widerstehen und sinke für einen Tee in einen Sitzsack des neueröffneten Lokals. Es gibt auch einen Italiener, der natürlich nicht wirklich aus Italien kommt, aber dennoch hilfreich ist, wenn ich das deutsche Essen vermisse.

          Der Italiener ist heute geschlossen. Flair und Charme Ankawas sind plötzlich verschwunden. Die Straßen quellen über vor Menschen. Kinder schreien, Frauen flehen, Männer beten. Pick-ups fahren scheinbar ziellos durch die Straßen, die Stoßstange setzt auf dem Asphalt auf, weil zu viele Menschen mit ihren Koffern auf der Ladefläche sitzen. Eine Flüchtlingswelle hat Arbil erreicht.

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