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Terror : Goma zwo, bitte kommen

Gedenken ein Jahr nach den Terroranschlägen in Madrid Bild:

Am Jahrestag der Anschläge fragt sich Spanien, wieso Sprengstoff übersehen werden kann. Die Versäumnisse sind groß. Die Regierung scheint sich eher um ihr Image als um die Sicherheit im Land zu bemühen.

          6 Min.

          „Folgen Sie dem Sprengstoff!“ müßte es heißen, wenn wir in einem Thriller wären, der die Nachlässigkeit, Desorganisation, Dickfelligkeit und die groben Fehler der spanischen Sicherheitskräfte vor dem 11. März 2004 aufrollen wollte.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Aber wir sind nicht im Thriller, und bevor der Sprengstoff dran ist, sind einige Sätze zum Jahrestag der Madrider Bombenanschläge am Platz. Das Drehbuch dieses Gedenktags mit makellos sonnigem Himmel war gut ausgedacht und wurde zügig abgewickelt. Tatsächlich war es würdig, weil es kurz war: kaum zehn Minuten, und der offizielle Trauerakt war vorbei.

          Wald der Abwesenden

          In dieser knapp bemessenen Zeit weihte das spanische Königspaar das Mahnmal „Wald der Abwesenden“ im Madrider Retiro-Park ein, indem es sich um zwölf Uhr schweigend vor den begrünten Hügel mit seinen 191 Zypressen und Olivenbäumen stellte; diese Schweigeminuten wurden vom Fernsehen auch aus Valencia, Sevilla, Barcelona und Palma de Mallorca übertragen, und überall in Spanien bot sich ein ähnliches Bild: Trauben von Menschen standen reglos an den Rathäusern und schwiegen. Eine surreale Vorstellung, besonders in Spanien, wo immer jemand redet, brabbelt oder lacht.

          Die Arbeit, sie ruhte fünf Minuten lang im ganzen Land. Und dann, im Retiro-Park, spielte eine junge Cellistin das Stück „Gesang der Vögel“ von Pablo Casals, getragen, ernst, das Richtige für den Anlaß, ohne pompös zu sein, und eine sanfte Brise wehte über die Trauernden, den grünen Hügel, die frisch angelegten Wege und 191 Zypressen und Olivenbäume. Von fünfzehn Uhr an war das Mahnmal dann für alle geöffnet. Doch erst das Wochenende brachte den wahren Ansturm der Madrilenen: Dicht an dicht zogen die Menschen die Schneckenwindungen des Hügels hinauf, und als sie oben waren, betrachteten sie die letzten drei Bäume, einige Grabkerzen, ein paar handgeschriebene Botschaften und zogen den Hügel wieder hinunter.

          Zuviel weil zuwenig

          Es war unheimlich, wie geschmackssicher Spanien diesen 11. März beging. Die Zeitungen brachten Beilagen, deren nobles Design man am liebsten rahmen würde. Das schönste stammt von „ABC“. Auf der Titelseite bilden rote und weiße Kerzen vor pechschwarzem Hintergrund einen Halbkreis, und die schlichte Überschrift lautet: „Was wir verloren haben“. Im Innern des Supplements, in der Kopfzeile jeder Seite, stehen brennende weiße Grabkerzen, und unter jedem Licht liest man Angaben zu je einem Todesopfer. „Maria del Carmen Lopez Pardo. Fünfzig Jahre alt. Aus Mula (Provinz Murcia). Arbeitete als Raumpflegerin in der Industrie. Ihre sieben Enkel waren wie sieben Söhne für sie. Tanzte besonders gern Salsa und Rumba.“ Solche Sätze erinnern nicht an eine Ziffer, sondern an einen Menschen, der anderen Menschen seit einem Jahr fehlt. Nicht daß es noch eines Beweises bedurft hätte, wie gut die Spanier darin sind, ihre Anteilnahme auszudrücken. Warum aber ist es zuviel? Weil es an anderer Stelle zuwenig ist.

          Den vierzig, fünfzig oder siebzig Seiten Reportagen, Chronologien, den Geschichten der Todesopfer und Verletzten, die jede spanische Zeitung in diesen Tagen gestemmt hat, entspricht kein vergleichbares Gewicht an Analyse, Beleuchtung des ideologischen Hintergrunds der Täter oder einer Bewertung der neuen Problemlage. Es könnte so aussehen, als brauchte Spanien nur das zu tun, was es seit je gut konnte - zusammenstehen, das Herz öffnen, Kerzen anzünden -, um sich den islamistischen Terror vom Hals zu schaffen. Oder noch naiver: Vielleicht glauben die Menschen ja, mit 191 Toten und dem Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak sei die Rechnung bezahlt, und jetzt seien andere an der Reihe.

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