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Zerstörung in Syrien : Baut die Tempel wieder auf!

  • -Aktualisiert am

Eine Rauchsäule über den Säulen des Baal-Tempels: Dieses Foto vom 25. August verbreitete der „IS“. Bild: AP

Nach Palmyra, vor Damaskus? Wir müssen uns endlich darüber klarwerden, was uns das bedrohte Welterbe im Nahen Osten angesichts des kulturellen Terrors des IS wert ist. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Die Fernsehbilder der vergangenen Tage haben niemanden kaltgelassen. So haben wir Europa, so haben wir Deutschland noch nie erlebt. Wir sehen an Bahnhöfen und vor den Flüchtlingsunterkünften, dass das politisch laubgesägte Wort von der Willkommenskultur keine Floskel mehr ist, sondern empathische Realität wird. Viele von uns engagieren sich in der Hilfe für die Flüchtlinge, vielleicht auch deshalb, weil dadurch endlich das Gefühl der Ohnmacht schwindet. Wir können etwas tun!

          Tatsächlich war die Weltgemeinschaft zum Zuschauen verdammt, als Bomben auf Homs fielen und der sogenannte „Islamische Staat“ seine barbarische Spur der kulturellen Zerstörung von Aleppo über Mossul, Nimrud, Hatra bis nach Palmyra zog. Neben dem Entsetzen über die Abertausenden von Toten, die den Bürgerkrieg mit ihrem Leben bezahlt haben, gehen uns die Bilder von der Sprengung des Baal-Tempels und der Grabtürme von Palmyra nicht mehr aus dem Kopf. Die Unesco hat von einem „nicht hinnehmbaren Verbrechen“ gesprochen, und doch haben wir es hingenommen, weil wir es hinnehmen mussten. Wir sprechen von Kriegsverbrechen, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wir rufen dazu auf, die Täter eines Tages zur Verantwortung zu ziehen, aber die Botschaft verhallt im ekelhaften Frohlocken der Terroristen und ihrer Propaganda.

          Weder Menschen noch Altertümer gerettet

          Die Unesco hat schon Wochen vor der Einnahme Palmyras vor dem Herannahen des IS gewarnt und eindringlich darauf verwiesen, welche Katastrophe der „Perle des Orients“ bevorstehen könnte. Nach Mossul, Nimrud, Ninive und Hatra brauchte man nicht mehr viel Phantasie, um sich auszumalen, was geschehen würde. Niemand konnte überrascht sein, dass die schönsten und besterhaltenen Tempel und Grabtürme gesprengt wurden. Was aber ist geschehen, um das Vorhersehbare zu verhindern? Hat die Weltgemeinschaft politisch und vor allem militärisch wirklich alle Optionen ernsthaft geprüft, um die antike Oase vor der Vernichtung zu bewahren? Wir wissen es nicht. Wir sehen nur, dass eine Intervention ausgeblieben ist, vielleicht auch deshalb, weil Palmyra von Truppen des Assad-Regimes verteidigt wurde, mit denen die Weltgemeinschaft nichts zu tun haben will. Jedenfalls ist es eine traurige Tatsache, dass in Palmyra weder Menschen noch Altertümer gerettet werden konnten.

          Eine Statue der Königin Zenobia auf dem Weg von Palmyra nach Damaskus.

          Der Chef der syrischen Antikenverwaltung, Maamoun Abdulkarim, hatte in vorausschauender Weise bewegliches Kulturgut aus antiken Stätten des ganzen Landes, darunter über 400 Kunstwerke aus Palmyra, in die Hauptstadt Damaskus bringen lassen, um sie vor der Zerstörung zu bewahren. Doch sind sie dort wirklich für alle Zeit sicher? Was wird passieren, wenn sich die Situation weiter destabilisieren, die IS-Schergen eines Tages vor Damaskus stehen und der Zusammenbruch des ganzen Landes drohen sollte? Wollen wir dann wieder Bilder sehen, wie wir sie schon aus dem Museum von Mossul kennen, mit Männern, die alles zerstören, was ihnen vor den Vorschlaghammer kommt? Werden wir dann wieder nur lamentieren und unsere Machtlosigkeit beklagen? Es ist an der Zeit, sich endlich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, was in einem solchen Fall zu tun wäre.

          Wer rettet die Kunstschätze, falls Damaskus fällt?

          Rettung kann dann nur heißen, dass die internationale Fachwelt aus Archäologen, Museumsmitarbeitern und Kulturpolitikern ein Einvernehmen mit dem Herkunftsland darüber erzielt, wie bedrohte Kulturgüter im Sinne zeitlich befristeter Safe-Haven-Regelungen vorübergehend außer Landes gebracht werden können. Und solche Gedanken sollte man sich tunlichst schon jetzt machen, weil die vorübergehende Rettung der in Damaskus versammelten Kunstwerke eine gewaltige logistische Herausforderung darstellen würde, die nicht über Nacht geschehen kann. Würde sie wieder daran scheitern, dass die Weltgemeinschaft keine gemeinsame Sache mit dem Assad-Regime machen will, das bekanntlich die syrische Hauptstadt noch immer hält?

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          Natürlich wird es dann wieder heißen: „Steine wollt ihr retten, aber Menschen nicht.“ Und selbstverständlich kann die Rettung des kulturellen Erbes nicht von Überlegungen zur Hilfe für die vom Bürgerkrieg betroffenen Menschen getrennt werden. Aber es geht eben auch um die kulturelle Identität und das kollektive Gedächtnis der Menschen in Syrien, weshalb sich das eine nicht gegen das andere ausspielen lässt – schon gar nicht vom fernen und sicheren Europa aus.

          Wenn Sprengung das letzte Wort ist, haben alle verloren

          Niemand weiß, wie lange der Bildersturm noch anhält und wie der Bürgerkrieg in Syrien beendet werden kann. Wir hoffen auf ein Ende des Albtraums für die Menschen dort, auch wenn es derzeit nicht danach aussieht. Aber es ist angebracht, an den Tag zu denken, an dem die Waffen schweigen werden und der Wiederaufbau in Syrien beginnen kann, auch in Palmyra. Die Vorbereitungen dafür laufen schon. Archäologen in ganz Europa sind damit beschäftigt, syrisches Kulturgut zu dokumentieren, und digitalisieren Tausende Fotos, Grabungsdokumente, Pläne und andere Unterlagen in Datenbanken.

          Gemeinsam mit dem Deutschen Archäologischen Institut engagiert sich das Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im „Syrian Heritage Archive Project“, das vom Auswärtigen Amt finanziert wird. Unser Vorderasiatisches Museum arbeitet mit verschiedenen internationalen Partnern an einer 3D-Dokumentation von archäologischen Stätten und Objekten in Syrien und im Irak, ein Vorhaben, das durch Mittel der Beauftragten für Kultur und Medien ermöglicht wird. Natürlich bieten wir auch Hilfe zur Selbsthilfe für syrische Restauratoren, die wir in unsere Museen und Werkstätten einladen. Wir unterstützen die Kulturstaatsministerin bei der Novelle des Kulturgutschutzgesetzes, um den illegalen Markt mit geraubten Antiken in Deutschland endlich lahmzulegen, und versuchen, das Bewusstsein für diese Verbrechen zu schärfen und die Dunkelfelder auszuleuchten.

          Die Kampagne #unite4heritage der Unesco hat sich genau dieses Ziel gesetzt – sie will die Zusammenhänge zwischen den Zerstörungen von Kulturgut und dem illegalen Handel mit Antiken sowie die Notwendigkeit der strafrechtlichen Verfolgung deutlich machen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist ihr Partner. Generell aber stellt sich die Frage: Was sind uns Unesco-Welterbestätten wirklich wert, und wie können sie effektiver geschützt werden? Müssten sich die Unesco-Mitgliedstaaten in einem Zeitalter, das ganz andere Konflikte kennt als vor dreißig Jahren, nicht auch ganz anders engagieren?

          Momentan mangelt es dieser wichtigen Organisation schlicht auch an finanzieller Ausstattung, besonders seit die Vereinigten Staaten und Israel aufgrund der Palästina-Entscheidung vor wenigen Jahren ihre Beiträge nicht mehr zahlen. Gerade jetzt braucht es die Unterstützung möglichst vieler Länder, um der Unesco in dieser Krisensituation besonders den Rücken zu stärken und ihre laufenden Schutzmaßnahmen auszuweiten. Es geht nicht nur um die Hilfe für Flüchtlinge, es geht auch um Hilfe für ihre Kultur. Eine starke Unesco muss sich jetzt an die Spitze derer stellen können, die für den Wiederaufbau planen.

          Symbole des Respekts gemeinsam retten

          Das Ziel der Zerstörung ist das Auslöschen jeglicher Erinnerung an die Vergangenheit und die völlige Vernichtung des kulturellen Gedächtnisses der Menschen im Nahen Osten. Gerade deshalb darf die Sprengung von Welterbestätten nicht das letzte Wort sein. Die bedeutendsten Denkmäler, wie etwa der Baal-Tempel von Palmyra, müssen wiederaufgebaut werden. Natürlich kann nichts die Authentizität des Originals ersetzen, und ich höre schon die Argumente derer, die solche Rekonstruktionen als verfälschend und unhistorisch ablehnen. Aber es geht dabei eben auch um ein sichtbares Zeichen, dass man nicht gewillt ist, sich Geschichte und Identität rauben zu lassen.

          Das Land wird solche Symbole des Respekts zwischen den Kulturen und den Religionen brauchen, um einen dauerhaften Sieg der Toleranz über den Fundamentalismus zu ermöglichen. Syrien wird man beim Wiederaufbau nicht alleinlassen können. In meinen Augen braucht es einen Fonds der Unesco-Mitgliedstaaten, ein wahrhaft internationales Aufbauwerk, um Palmyra und andere Orte wiedererstehen zu lassen. Der globale Konsens über den Umgang mit dem Kulturerbe ist brüchig geworden, er wird herausgefordert vom Vernichtungsfeldzug der islamistischen Terrormiliz. Die Weltgemeinschaft ist jetzt gefordert, Wege zu finden, um auf diese neue Qualität kulturellen Terrors und seine Spätfolgen zu reagieren.

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