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Tempelhofer Feld : Ist die Leere noch groß genug?

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Der Himmel über der Wiese – in der inneren Peripherie des Tempelhofer Feldes findet Berlin zu sich selbst. Die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ lehnt jede Bebauung ab, der Berliner Senat ist dafür. Bild: Pierre Adenis/laif

In zwei Wochen stimmt Berlin über die Nutzung des Tempelhofer Feldes ab. Das Gelände des einstigen Flughafens ist die Essenz der Hauptstadt: viel Raum, viele Möglichkeiten. Aber Veränderungen bitte nicht vor der eigenen Haustür.

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          In einer Stadt werden Dinge produziert. In manchen Städten sind das Autos oder Gabelstapler, in anderen Ideen und andere Dienstleistungen, in den meisten ist es eine Mischung aus beidem. Berlin produziert – historisch bedingt – heute vor allem Kreative, und diese Kreativen produzieren im Gegenzug Berlin, bis keiner mehr weiß, wer oder was zuerst da war, und in der Mitte dieser sich selbst produzierenden Utopie liegt ein Vakuum, das einmal ein Flughafen war und nun ein Feld ist, und der Name dieses Feldes ist Freiheit. Tempelhofer Freiheit.

          Jahrzehntelang konnte man dieses Feld nicht durchqueren, ohne sich einer akuten Lebensgefahr auszusetzen, ein hoher Zaun erinnert noch heute daran. Seit vier Jahren kann man das nun doch, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, aber sich mal auf eine Bank setzen oder unter einen Baum ist bisher nicht möglich. Kitesurfen schon.

          Das Feld ist das, was beim Filmemacher Andrej Tarkowskij die Zone war: ein Ort, an dem die Gesetze der normalen Welt nicht gelten. Welche Gesetze stattdessen gelten sollen, das ist heute umstritten. Eine Bürgerinitiative möchte, dass alles so bleibt, wie es ist: leer und kahl, ohne Wurststände, ohne Kitesurfbedarf, aber auch ohne Schatten. Der Berliner Senat möchte die Ränder bebauen und die Mitte freilassen. Aber ist die Leere dann noch groß genug? In zwei Wochen müssen sich die Berliner entscheiden, parallel zur Europawahl stimmen sie über die Zukunft des Geländes ab.

          Wer aber über die Zukunft nachdenkt, sollte vielleicht auch etwas über die Vergangenheit wissen: Das Tempelhofer Feld war Exerziergelände, Fußballfeld und Flugplatz. Die ältesten deutschen Luftaufnahmen wurden in Tempelhof gemacht, die Berliner lernten hier, in den Himmel zu schauen, den Flugzeugen, Ballons und Zeppelinen hinterher, die man dort erprobte. Sie lernten, die Luft und die Leere in der Stadt zu lieben. Zwei Meteorologen hoben 1901 vom Tempelhofer Feld in einem offenen Ballon ab, bis auf über zehn Kilometer Höhe ging ihre Fahrt, bei der beide ohnmächtig wurden, dreißig Jahre ein ungebrochener Rekord und Voraussetzung für die Entdeckung der Stratosphäre.

          Die Vorstellung des Senats – bis zu 4700 Wohnungen

          Nicht alles, was hier geschah, war so schön wie Ballonfahren. Tempelhof war auch ein Ort des Schreckens. Eines der ersten Konzentrationslager Deutschlands stand hier, Zwangsarbeiter mussten während des Zweiten Weltkriegs die Maschinen zusammenbauen, die daraufhin Europa bombardierten. Die Berliner lieben Tempelhof insgesamt trotzdem, weil der Flughafen nach dem Krieg das Überleben der westlichen Besatzungszonen ermöglichte: Rosinen- statt Sturzkampfbomber. Einer steht heute noch vor der Abflughalle, innen sind Carepakete gestapelt, die kleinsten enthalten Gummibärchen.

          Das ist historisch vielleicht nicht ganz korrekt, aber worum es geht, ist, dass Tempelhof den Berlinern am Herzen liegt, mehr wahrscheinlich als irgendein anderer Flughafen seiner Bevölkerung irgendwo sonst auf der Welt. Was wiederum damit zu tun hat, dass er buchstäblich in diesem Herzen liegt, in der Mitte der Stadt. Der Stadtplaner Hildebrand Machleidt spricht deshalb auch von der „inneren Peripherie“, wenn es um die Rolle des Feldes für die Stadt geht. Berlin trägt dreihundert Hektar Steppe in seinem Herzen, also mehr so ein inneres Brandenburg. Der Rand ist die Mitte, die Mitte ein Rand. Wo gibt es das sonst?

          Die Flughafengebäude stehen unter Denkmalschutz, sollen gar Weltkulturerbe werden. Die Freiflächen nicht. Dabei ist ein funktionierender Flughafen ohne Landebahn und Taxiweg gar nicht vorstellbar. Die Leere gehört dazu wie die Abfertigungshallen. Die Beschleunigung, die Schönheit der Maschinen, das elegante, den Entfernungen lässig trotzende Leben der Nachkriegsmoderne: schnell mit der U-Bahn zum Flugzeug, und dann nach London, Paris oder Mannheim. Das ist nur innerhalb der Leere nachzuvollziehen, die die Beschleunigung braucht. Ein vollgebautes Feld würde das Flughafengebäude lächerlich machen, zum kuriosen Relikt, das verloren zwischen Neubauten herumsteht.

          Denn das Mobilitätsversprechen steckt im Feld ebenso wie in den Gebäuden. Der Flughafen Tempelhof ist ein paradoxer Ort der Moderne, an dem der radikale Stillstand zur Bedingung für die radikale Beschleunigung wurde. Berlin braucht sein Tempelhofer Feld auch als Ausgleich zu seinem Übermaß an Geschichte. Der vielbeschworene Himmel über Berlin ist ein solcher Ausgleich wie das grüne Wiesenmeer. Eine Wiese erinnert sich nicht, Historie schreibt sich nicht in sie ein. Wie auch? Gras wächst einfach zu schnell nach. Ein Park ist gestaltet, Denkmäler stehen herum. Ein Feld ist einfach nur Fläche. Wenn man die vielen Geschichtszeichen nicht mehr sehen will, die da kreuz und quer herumstehen und erzählen, dann legt man sich gern auf das Feld und legt den Kopf in den Nacken. Bänke, wie gesagt, gibt es ja nicht.

          Siegerentwurf der Landschaftsplaner GROSS. MAX

          Städte werden zerbombt und wieder aufgebaut, Bürgermeister kommen und gehen, aber der Himmel darüber bleibt derselbe, und keine Regierung kann daran etwas ändern. Das prägt. Das Feld ist das Konzentrat Berlins, sein leeres Zentrum, wo sich beim Grillen und Drachensteigenlassen die Erleuchtung einstellt: zweihundert Hektar versteppter Buddhismus. Und da die Berliner notorisch gottlos sind, ist es die einzige Religion, die wirklich zu ihnen passt. Hamwanich, Kennicknich und Weeßicknich sind die Mantren dieser speziellen Ausprägung östlicher Philosophie. Der Himmel über der Wiese ist dem Berliner, was dem Tuareg die Wüste ist und dem Bretonen das Meer.

          Daher rührt das Unbehagen vieler Hauptstädter, wenn es nun, nach einer zwanzigjährigen Denk- und Planungsphase, endlich ans Bauen gehen soll. Selbst die, die für eine Randbebauung sind, wollen die Mitte um jeden Preis freihalten. Der Senat sichert deshalb in einem eigenen Gesetzesentwurf zu, dass die 230 Hektar der inneren Wiesenfläche erhalten bleiben sollen. Schon jetzt ist der Kern des Feldes zwischen den Runways für viele Monate im Jahr gesperrt. Dann brütet die Feldlerche. Ein einziges Paar dieses geschützten Vogels beansprucht freie Flächen von mehreren Quadratkilometern, wie die Parkverwaltung informiert.

          Nicht ganz so viel beanspruchen die Menschen, die jedes Jahr nach Berlin ziehen, in den letzten drei Jahren waren es etwa hunderttausend. Bis 2030 werden 250000 Menschen neu hierherziehen, schätzt man, immer mehr von ihnen wohnen allein. Und die, die schon da sind, vermehren sich. Der zusätzliche Wohnraum auf dem Tempelhofer Feld ist deshalb das Hauptargument des Senats. Die Flächen gehören der Stadt, die sie von ihren eigenen Wohnungsbaugesellschaften entwickeln lassen will. Alles in öffentlicher Hand. Dann könne man die Hälfte der Wohnungen für sechs bis acht Euro den Quadratmeter anbieten, sagt Stadtentwicklungssenator Michael Müller von der SPD.

          Die andere Hälfte aber muss dann das, was man mit den günstigen Wohnungen verliert, wieder hereinholen, denn für weniger als zehn Euro den Quadratmeter kann man kaum bauen. Neue Wohnungen sind fast immer teurer als Altbauten. Und da die privaten Investoren nur teure Wohnungen bauen möchten, sucht die Berliner Stadtregierung ihr Heil nun in der Bebauung städtischer Flächen durch ihre sechs eigenen Wohnungsbaugesellschaften. Früher hat man das Geld den Bauunternehmern in den Rachen geworfen, eine Subvention ihrer Gewinne über Jahrzehnte hinweg. Das Ganze nannte sich Wohnbauförderung, war aber eigentlich Bauherrenförderung.

          Gemeinschaftsgärten auf dem Feld

          Dementsprechend misstrauisch sind die Berliner, wenn man ihnen jetzt mit angeblich billigen Wohnungen kommt. Sie glauben einfach nicht, dass der Berliner Senat, der unter demselben Bürgermeister aus dem Sozialwohnungsbau ausgestiegen ist, nun plötzlich zur kommt.

          Der Senator für Stadtentwicklung wohnt selbst am Tempelhofer Feld, sein Dienstsitz ist am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf. Eine Aufnahme des Flughafens mit dramatisch bewölktem Himmel hängt hinter seinem aktenbeschwerten Schreibtisch. Wenn Müller im 14. Stock aus dem Fenster sieht, liegt ihm Berlin zu Füßen.

          Aber auch nur dann. Am Mittwoch hatten Aktivisten sein Büro besetzt, um gegen Zwangsräumungen zu protestieren. Tags drauf konnte Michael Müller seinen Vortrag in der Urania nicht halten, weil er von Protestlern gestört wurde. Thema: die Bebauung des Tempelhofer Feldes. Nachdem der Moderator vom „Tagesspiegel“ die Situation durch Erteilen des Rederechtes entschärft hatte, verließen die Protestler den Saal. Dabei wurde es danach erst interessant. Und kein Mensch im Raum, der nicht irgendwann gestöhnt, geschrien oder sonst wie kommentiert hätte, was das Podium so von sich gab.

          Tempelhof ist das größte Streitthema in der Hauptstadt. Ein Argument der Gegner ist die Luft. Tempelhof ist eine Kaltluftentstehungszone, die Randbebauung würde die Abkühlung der anliegenden Viertel im Sommer verringern. Zu wenig kalte Luft in Berlin, darauf muss man auch erst mal kommen. Ein Gutachten sagt: Alles halb so wild, die neuen Bäume und Wasserbecken wären sogar ganz gut für das Stadtklima im Sommer.

          Windskating auf der alten Startbahn

          Stadtplanung ist anstrengend und komplex, irgendeiner fühlt sich immer auf den Schlips getreten. Wenn man mit Müller spricht, hat man das Gefühl, dass es ihm ernst ist mit dem Wohnungsbau. Er will die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, aber etwas tun muss er.

          Umso spannender wird es, was ab 2016 auf dem Feld entstehen soll, zunächst im Westen, am Tempelhofer Damm. Das wird erst noch erarbeitet. Es wäre der Bedeutung des Feldes und der Signalwirkung angemessen, wenn man die besten Architekten der Welt einladen würde, sich hierzu Gedanken zu machen. Ein Rem Koolhaas würde wohl nicht nein sagen, ein Shigeru Ban oder David Chipperfield auch nicht. Tempelhof, sagte Norman Foster einmal, ist die Mutter aller Flughäfen. Warum dann nicht die Mutter aller Neubauquartiere bauen?

          Eins will Müller jedenfalls nicht: die autogerechte Stadt. (Aufheulen an dieser Stelle im graumelierten Publikum der Urania) und keine privaten Investoren. Wie Tempelhof nicht werden soll, zeigt die Tiergartenseite des Potsdamer Platzes. Der Potsdamer Platz ist der seelenloseste Ort in ganz Berlin und einer der erfolgreichsten. Hinter den Fenstern der Wohnhäuser sind die bewährten Klassiker des Möbelbaus zu erahnen; wer hier lebt, zahlt viel Geld dafür, in einem zeitlosen Vitranirvana zu existieren. „Gespenster“ hieß der Film, den Christian Petzold hier drehte. Vielfalt sieht anders aus.

          Fünfundzwanzig Jahre ist das wiedervereinte Berlin jetzt alt, manche denken da über Familiengründung nach, andere über die richtigen Turnschuhe. In zwei Wochen steht zur Entscheidung an, ob man die Möglichkeiten ins Unendliche anwachsen und dabei langsam verstreichen lassen will – oder ob man sie realisiert, mit dem Bewusstsein, dass dafür andere endgültig verloren gehen. Es geht, anders gesagt, darum, erwachsen zu werden. Das muss einem nicht gefallen.

          Die neuen Quartiere werden sich, kommen die Pläne des Senats durch, in den 2020ern wie Terminals um das Flugfeld legen. Es wäre nur folgerichtig, wenn man die so versprochene Dynamik des Wohnens auch einlöste, etwa durch einen zentralen Segelflugplatz. Die weißen aerodynamischen Formen kreisten dann über der Stadt wie die Ideen ihrer Bewohner, angetrieben vom einzigen wertvollen Rohstoff Berlins, der Luft. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

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