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Tempelhofer Feld : Ist die Leere noch groß genug?

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Der Senator für Stadtentwicklung wohnt selbst am Tempelhofer Feld, sein Dienstsitz ist am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf. Eine Aufnahme des Flughafens mit dramatisch bewölktem Himmel hängt hinter seinem aktenbeschwerten Schreibtisch. Wenn Müller im 14. Stock aus dem Fenster sieht, liegt ihm Berlin zu Füßen.

Aber auch nur dann. Am Mittwoch hatten Aktivisten sein Büro besetzt, um gegen Zwangsräumungen zu protestieren. Tags drauf konnte Michael Müller seinen Vortrag in der Urania nicht halten, weil er von Protestlern gestört wurde. Thema: die Bebauung des Tempelhofer Feldes. Nachdem der Moderator vom „Tagesspiegel“ die Situation durch Erteilen des Rederechtes entschärft hatte, verließen die Protestler den Saal. Dabei wurde es danach erst interessant. Und kein Mensch im Raum, der nicht irgendwann gestöhnt, geschrien oder sonst wie kommentiert hätte, was das Podium so von sich gab.

Tempelhof ist das größte Streitthema in der Hauptstadt. Ein Argument der Gegner ist die Luft. Tempelhof ist eine Kaltluftentstehungszone, die Randbebauung würde die Abkühlung der anliegenden Viertel im Sommer verringern. Zu wenig kalte Luft in Berlin, darauf muss man auch erst mal kommen. Ein Gutachten sagt: Alles halb so wild, die neuen Bäume und Wasserbecken wären sogar ganz gut für das Stadtklima im Sommer.

Windskating auf der alten Startbahn

Stadtplanung ist anstrengend und komplex, irgendeiner fühlt sich immer auf den Schlips getreten. Wenn man mit Müller spricht, hat man das Gefühl, dass es ihm ernst ist mit dem Wohnungsbau. Er will die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, aber etwas tun muss er.

Umso spannender wird es, was ab 2016 auf dem Feld entstehen soll, zunächst im Westen, am Tempelhofer Damm. Das wird erst noch erarbeitet. Es wäre der Bedeutung des Feldes und der Signalwirkung angemessen, wenn man die besten Architekten der Welt einladen würde, sich hierzu Gedanken zu machen. Ein Rem Koolhaas würde wohl nicht nein sagen, ein Shigeru Ban oder David Chipperfield auch nicht. Tempelhof, sagte Norman Foster einmal, ist die Mutter aller Flughäfen. Warum dann nicht die Mutter aller Neubauquartiere bauen?

Eins will Müller jedenfalls nicht: die autogerechte Stadt. (Aufheulen an dieser Stelle im graumelierten Publikum der Urania) und keine privaten Investoren. Wie Tempelhof nicht werden soll, zeigt die Tiergartenseite des Potsdamer Platzes. Der Potsdamer Platz ist der seelenloseste Ort in ganz Berlin und einer der erfolgreichsten. Hinter den Fenstern der Wohnhäuser sind die bewährten Klassiker des Möbelbaus zu erahnen; wer hier lebt, zahlt viel Geld dafür, in einem zeitlosen Vitranirvana zu existieren. „Gespenster“ hieß der Film, den Christian Petzold hier drehte. Vielfalt sieht anders aus.

Fünfundzwanzig Jahre ist das wiedervereinte Berlin jetzt alt, manche denken da über Familiengründung nach, andere über die richtigen Turnschuhe. In zwei Wochen steht zur Entscheidung an, ob man die Möglichkeiten ins Unendliche anwachsen und dabei langsam verstreichen lassen will – oder ob man sie realisiert, mit dem Bewusstsein, dass dafür andere endgültig verloren gehen. Es geht, anders gesagt, darum, erwachsen zu werden. Das muss einem nicht gefallen.

Die neuen Quartiere werden sich, kommen die Pläne des Senats durch, in den 2020ern wie Terminals um das Flugfeld legen. Es wäre nur folgerichtig, wenn man die so versprochene Dynamik des Wohnens auch einlöste, etwa durch einen zentralen Segelflugplatz. Die weißen aerodynamischen Formen kreisten dann über der Stadt wie die Ideen ihrer Bewohner, angetrieben vom einzigen wertvollen Rohstoff Berlins, der Luft. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

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