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Tempelhofer Feld : Ist die Leere noch groß genug?

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Denn das Mobilitätsversprechen steckt im Feld ebenso wie in den Gebäuden. Der Flughafen Tempelhof ist ein paradoxer Ort der Moderne, an dem der radikale Stillstand zur Bedingung für die radikale Beschleunigung wurde. Berlin braucht sein Tempelhofer Feld auch als Ausgleich zu seinem Übermaß an Geschichte. Der vielbeschworene Himmel über Berlin ist ein solcher Ausgleich wie das grüne Wiesenmeer. Eine Wiese erinnert sich nicht, Historie schreibt sich nicht in sie ein. Wie auch? Gras wächst einfach zu schnell nach. Ein Park ist gestaltet, Denkmäler stehen herum. Ein Feld ist einfach nur Fläche. Wenn man die vielen Geschichtszeichen nicht mehr sehen will, die da kreuz und quer herumstehen und erzählen, dann legt man sich gern auf das Feld und legt den Kopf in den Nacken. Bänke, wie gesagt, gibt es ja nicht.

Siegerentwurf der Landschaftsplaner GROSS. MAX

Städte werden zerbombt und wieder aufgebaut, Bürgermeister kommen und gehen, aber der Himmel darüber bleibt derselbe, und keine Regierung kann daran etwas ändern. Das prägt. Das Feld ist das Konzentrat Berlins, sein leeres Zentrum, wo sich beim Grillen und Drachensteigenlassen die Erleuchtung einstellt: zweihundert Hektar versteppter Buddhismus. Und da die Berliner notorisch gottlos sind, ist es die einzige Religion, die wirklich zu ihnen passt. Hamwanich, Kennicknich und Weeßicknich sind die Mantren dieser speziellen Ausprägung östlicher Philosophie. Der Himmel über der Wiese ist dem Berliner, was dem Tuareg die Wüste ist und dem Bretonen das Meer.

Daher rührt das Unbehagen vieler Hauptstädter, wenn es nun, nach einer zwanzigjährigen Denk- und Planungsphase, endlich ans Bauen gehen soll. Selbst die, die für eine Randbebauung sind, wollen die Mitte um jeden Preis freihalten. Der Senat sichert deshalb in einem eigenen Gesetzesentwurf zu, dass die 230 Hektar der inneren Wiesenfläche erhalten bleiben sollen. Schon jetzt ist der Kern des Feldes zwischen den Runways für viele Monate im Jahr gesperrt. Dann brütet die Feldlerche. Ein einziges Paar dieses geschützten Vogels beansprucht freie Flächen von mehreren Quadratkilometern, wie die Parkverwaltung informiert.

Nicht ganz so viel beanspruchen die Menschen, die jedes Jahr nach Berlin ziehen, in den letzten drei Jahren waren es etwa hunderttausend. Bis 2030 werden 250000 Menschen neu hierherziehen, schätzt man, immer mehr von ihnen wohnen allein. Und die, die schon da sind, vermehren sich. Der zusätzliche Wohnraum auf dem Tempelhofer Feld ist deshalb das Hauptargument des Senats. Die Flächen gehören der Stadt, die sie von ihren eigenen Wohnungsbaugesellschaften entwickeln lassen will. Alles in öffentlicher Hand. Dann könne man die Hälfte der Wohnungen für sechs bis acht Euro den Quadratmeter anbieten, sagt Stadtentwicklungssenator Michael Müller von der SPD.

Die andere Hälfte aber muss dann das, was man mit den günstigen Wohnungen verliert, wieder hereinholen, denn für weniger als zehn Euro den Quadratmeter kann man kaum bauen. Neue Wohnungen sind fast immer teurer als Altbauten. Und da die privaten Investoren nur teure Wohnungen bauen möchten, sucht die Berliner Stadtregierung ihr Heil nun in der Bebauung städtischer Flächen durch ihre sechs eigenen Wohnungsbaugesellschaften. Früher hat man das Geld den Bauunternehmern in den Rachen geworfen, eine Subvention ihrer Gewinne über Jahrzehnte hinweg. Das Ganze nannte sich Wohnbauförderung, war aber eigentlich Bauherrenförderung.

Gemeinschaftsgärten auf dem Feld

Dementsprechend misstrauisch sind die Berliner, wenn man ihnen jetzt mit angeblich billigen Wohnungen kommt. Sie glauben einfach nicht, dass der Berliner Senat, der unter demselben Bürgermeister aus dem Sozialwohnungsbau ausgestiegen ist, nun plötzlich zur kommt.

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