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Architektur in Tel Aviv : Der Mythos von der weißen Bauhausstadt

  • -Aktualisiert am

Die wenigsten Hauswände leuchten in reinem Weiß - Salz, Sand und Feuchtigkeit haben ihnen zugesetzt. Bild: Picture-Alliance

Tel Aviv feiert sich als rechtmäßige Erbin der Dessauer Avantgardisten. Das hat erhebliche Nebenwirkungen. Denn die Architektur der Stadt fußt noch auf ganz anderen Einflüssen.

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          Immer wieder ist heute, im großen Festjahr des hundertsten Geburtstags des Bauhaus, in den Festreden der Politiker die Rede von Tel Aviv als „Bauhausstadt“. Kaum ein Ort scheint geeigneter, die gesellschaftliche Relevanz und die internationale Wirksamkeit des Bauhauses zu veranschaulichen und die Erzählung vom „guten“ Bauhaus, das alle hellen Seiten Deutschlands verkörpert – experimentell, emanzipiert, hell, weiß, luftig, leicht, international – um eine philosemitische Qualität zu erweitern: Die Nazis haben es 1933 dichtgemacht, und die Architekten mussten fliehen, viele auf das Terrain des zukünftigen Israel, wo sie von ihren Jahren in Deutschland und dem, was sie dort lernten, profitieren konnten!

          Damit wird die Marke Bauhaus aber auf eine verstörende Weise von historischen Realitäten abgelöst. Drastisch gesagt: Planung und Bau von Auschwitz sind personell enger mit dem Bauhaus verbunden als die Architektur Tel Avivs der dreißiger Jahre. Der Bauhausschüler Fritz Ertl war von 1940 bis 1943 in der etwa dreißig Personen umfassenden Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz tätig, und zwar als deren stellvertretender Leiter. Im Tel Aviv der dreißiger Jahre waren mehr als zweihundert Architekten tätig; unter diesen hatten nur vier zeitweilig am Bauhaus studiert.

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