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Tefaf-Studie : Die USA haben Europa überflügelt

  • -Aktualisiert am

„Abstraktes Bild” von Gerhard Richter in Maastricht Bild: dpa

Eine in Maastricht vorgestellte Studie der European Fine Art Foundation zum europäischen Kunstmarkt zeichnet ein düsteres Bild.

          3 Min.

          Beunruhigende Szenarien wollen nicht so recht zu einer glamourösen Messe wie der Tefaf passen. Nun hat aber The European Fine Art Foundation anlässlich der Kunst- und Antiquitätenmesse in Maastricht erneut eine Studie zu den Entwicklungen auf dem europäischen Kunstmarkt vorgelegt. Wie schon bei der letzten Erhebung vor zwei Jahren zeichnet sie ein düsteres Bild dieses Wirtschaftssektors, düster im Vergleich zum amerikanischen Markt.

          Konsequenter als damals weist die Studie darauf hin, wer dies zu verantworten habe: Die EU-Kommission. Brüssel habe versäumt, die Auswirkungen des Folgerechts und der Einfuhrumsatzsteuer auf den internationalen Handel in seine Betrachtung einzubeziehen. Priorität sei die innereuropäische Gleichstellung vor der Rücksichtnahme auf weltweite Wettbewerbsfähigkeit gewesen.

          In Zahlen sieht das so aus: Seit 1998 hat der Kunstmarkt innerhalb der EU 7,2 Prozent seines Weltmarktanteils eingebüßt, die fast gänzlich in die Vereinigten Staaten wanderten. Von den 26,7 Milliarden Euro, die 2001 bei annähernd 1,2 Millionen Transaktionen weltweit zusammenkamen, entfielen auf Europa, inklusive der Schweiz und Norwegen, zwölf Milliarden Euro, was rund 45 Prozent entspricht. Amerika setzte 12,5 Milliarden Euro um und nahm mit 46 Prozent Platz eins ein.

          Nur Großbritannien kann mithalten

          Symptomatisch für diese Gewichtsverschiebung führt die Studie steigende Durchschnittspreise in den Vereinigten Staaten an. Seit 1998 erhöhten sie sich für auf Auktionen verkaufte Kunstwerke um 75 Prozent auf durchschnittlich 61.000 Dollar, während sie in Europa um 36 Prozent auf 9.000 Dollar nachgaben. Allein Großbritannien konnte mit dem amerikanischen Wachstum, wenn auch abgeschlagen, mithalten: Hier konnte beim durchschnittlichen Verkaufspreis ein Zuwachs von 54 Prozent auf rund 21.000 Dollar verbucht werden. Frankreich, nach London der zweitgrößte Kunstmarkt der EU, verlor hier 19 Prozent und Deutschland, auf Platz 3 innerhalb der EU, lag mit einer minimalen Steigerung von zwei Prozent fast gleichauf wie vor vier Jahren.

          Das bedeutet, dass die internationale Spitzenware sich mehr und mehr in New York konzentriert. Laut Studie ist das auch nicht verwunderlich, liegt doch der „Fluchtpreis“ - das sind die Kosten für Folgerecht, Versicherung, Verpackung und Transport - zur Zeit bei 57.700 Euro je Kunstwerk. Ab diesem Betrag lohne es sich, ein Objekt nach Amerika oder in die Schweiz zu transferieren, um das Folgerecht zu umgehen. Und die meisten Auktionshäuser und Kunsthändler hätten darin schon Routine. Auf dem europäischen Festland sammle sich also das mittlere und untere Segment des Kunstmarkts. Dem entspräche auch das Verhältnis von Import zu Export; wurden 1999 Gemälde im Wert von 1,527 Milliarden Euro in die EU eingeführt, lagen die Exporte dagegen bei 1,813 Milliarden Euro. Der Nettoabfluss betrug also rund 286 Millionen Euro.

          Schlusslicht Österreich

          Innerhalb der EU konnten lediglich Spanien und Großbritannien ihren globalen Marktanteil verbessern: Seit 1998 legte Großbritannien, das sich noch Übergangsregelungen beim Folgerecht und der Einfuhr-Umsatzsteuer innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft erstreiten konnte, um 1,6 Prozent und Spanien sogar um 12,5 Prozent zu. Schlusslicht bilden mit einem Minus von je 45 Prozent Österreich und die Niederlande. Im Jahr 2001 war London mit einem Anteil von 24,3 Prozent Nummer zwei auf dem Weltkunsthandel und setzte 6,8 Milliarden Euro um.

          Mit Verkäufen in Höhe von zwei Milliarden Euro und einer Quote von 7,6 Prozent am globalen Markt ist Frankreich England auf den Fersen. Und Deutschland, dem die Studie das größte Wachstumspotential in Europa bescheinigt - die meisten Käufer auf der Maastrichter Messe seien Deutsche - aber auch die schwächste tatsächliche Entwicklung, nimmt mit einem Umsatz von 774 Millionen Euro, das entspricht 2,9 Prozent am Weltmarkt, international Platz vier ein.

          Deregulierung nach amerikanischem Vorbild

          Der europäische Kunstmarkt zählt rund 28.600 Unternehmen mit 73.600 Beschäftigten. Dazu kommen indirekt noch 61.000 Beschäftigte in Branchen mit unterstützenden Gütern und Dienstleistungen. Gerade im Hinblick auf diese Beschäftigungszahlen möchte die Studie, die von dem amerikanischen Marktforschungsunternehmen Kusin & Company mittels statistischen Materials und Händlerumfragen erstellt wurde und teilweise mit unterschiedlichen Zahlen aufwartet, die Politik dazu bewegen, den Kunstmarkt nach amerikanischem Vorbild zu deregulieren. Ob ihr das gelingt, ist fraglich.

          Wurde in der Untersuchung vor zwei Jahren, die den selben Tenor anschlug, noch vorausgesagt, dass der amerikanische Kunstmarkt den europäischen 2001 überrunden werde, ist dies nun tatsächlich geschehen. 2003 würden die USA ihren Vorsprung sogar auf eine Milliarde Euro ausgebaut haben, hieß es damals.

          Da klingen die Worte des Tefaf-Präsidenten Willem Baron von Dedem fast schon wie eine letzter Appell an die Politik: „Um diesen Niedergang aufzuhalten, müssen europäische Regierungen die ökonomischen und kulturellen Vorteile, die ihnen der Kunstmarkt bietet, zur Kenntnis nehmen.“

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