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„To All The Boys“ auf Netflix : Rolle rückwärts in die achtziger Jahre

  • -Aktualisiert am

Cinderella-Kitsch im Schnee: Lara Jean (Lana Condor) und ihr alter Schwarm John Ambrose (Jordan Fisher) kommen sich gefährlich nah Bild: Netflix / Bettina Strauss

Die Teeniefilmreihe „To All The Boys“ begann mit lässiger Kitschentlarvung und Feminismus. Jetzt landet sie im Romantik-Sumpf.

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          „Ich verlasse euch morgen, das heißt, du bist jetzt die große Schwester“ – Margot geht aufs College und die sechzehnjährige Lara Jean ist von nun an für den Vater und die kleinere Schwester verantwortlich. Wo traditionell ein Vater seinen Stammhalter zum neuen Familienoberhaupt krönt, gibt es in der Netflix-Produktion „To All The Boys I’ve Loved Before“ von 2018 kein Patriarchat. Der Highschool-Film um eine eigenwillige Teenagerin ist Teil einer Welle origineller und zeitgemäßer Stücke dieser Art. Man darf sich freuen, dass Pubertierende heute mit solchen Frauenfiguren heranwachsen.

          „To All The Boys I’ve Loved Before“ ist eine Liebeskomödie. Sie basiert auf der gleichnamigen Buchreihe der amerikanischen Jugendbuchautorin Jenny Han. Es geht um die Geschichte der koreanisch-amerikanischen Schülerin Lara Jean (Lana Condor), die den Jungs, auf die sie steht, geheime Briefe schreibt. Und wer hätte es gedacht: Die Briefe landen auf wundersame Weise bei fünf ehemaligen Angebeteten. Aber das ist nur das Handlungsgerüst. Jungs sind in „To All The Boys I’ve Loved Before“ Randerscheinungen. Es geht schließlich um Lara Jean und ihr Leben.

          Netflix führt gerade ein Teenie-Film-Revival mit progressiven Filmen und Serien, wie „Sex Education oder „Dude“ an. Es ist schwer zu sagen, warum es so lange gedauert hat, bis einem Writer‘s Room aufgefallen ist, dass Hauptfiguren auch bisexuell, plus-size oder Of Colour sein können. Und dass es auch andere Konflikte im Leben von Heranwachsenden gibt, als „Boy gets Girl“.

          Der zweite Teil der geplanten Trilogie, „To All the Boys: P.S. I Still Love You“, kann nun leider mit dem ersten, der ganz großartig war, nicht mithalten. Und das ist enttäuschend. In einer Schlüsselszene des ersten Films, „To All The Boys“, schauen Lara Jean und ihr Schwarm Peter (Noah Centineo) den 1984er John Hughes Teenie-Klassiker „Sixteen Candles“. Nicht die berühmte Geburtstagstorten-Szene, sondern eine mit dem „chinesischen Austauschschüler“ Long Duk Dong. Wenn dieser mit komischem Akzent so etwas wie „Yanky My Wanky“ sagt, schallt ein Gong. „Ist das nicht rassistisch?“, fragt Peter. „Extrem rassistisch“, antwortet Lara Jean beiläufig und mümmelt Popcorn. Es ist der Metablick einer neuen Figurengeneration auf die früheren Filme, denen sie nur noch, liebevoll die Augen verdrehend, „OK Boomer“ entgegnet. Keine Zeit, sich zu ärgern, man hat Zukunft zu gestalten.

          Eine neue Figurengeneration gestaltet die Zukunft

          Rein optisch haben die neuen Coming-Of-Age-Filme viel von den Achtzigern. Sie zeigen eine bürgerliche Retro-Welt: Teenager fahren Fahrrad, schlürfen Milchshakes im Diner oder hören Blondie auf Schallplatte; ihre Eltern sind aber auch schwarz oder lesbisch und haben allesamt Doktortitel.

          Selbstverständlich ist es Utopie: In Lara Jeans Welt wird offen über Gefühle gesprochen. Man zelebriert seine koreanischen Wurzeln und die wichtigen Konflikte vollziehen sich zwischen Frauen. Lara Jean ist schüchtern, zeigt aber resolut Grenzen auf: „Küss mich nie wieder, dieser Punkt ist nicht verhandelbar!“ Das „große Finale“ ist ein Augenzwinkern, das den Pathos romantischer Komödien veralbert: Lara Jeans große Geste ist es, im Auto zum Sportplatz zu fahren und Peter zu sagen: „Ich mag dich.“

          Im zweiten Teil „To All The Boys: P.S. I Still Love You“ sind Lara Jean und Peter dann ein Paar. Das Thema ist also: Wie steht es um die Beziehung? Als zusätzlichen Stressfaktor findet noch ein Briefempfänger zurück in Lara Jeans Leben. Den Auftrag, die Geschichte als Entscheide-dich-Situation zu erzählen, nimmt der Film leider viel zu ernst. Resultat: eine brutal durchschnittliche romantische Komödie.

          Eine brutal durchschnittliche romantische Komödie

          Auf einmal produziert der Film den Kitsch und die Stereotype, die er vorher zerlegt hat: Lara Jean geht in wallenden Kleidern auf Dates, zündet eine Papierlaterne, tanzt im Schnee. Ihre Familie und Freunde kommen kaum noch vor, jetzt heißt es: Boys, Boys, Boys – statt „Golden Girls“-Marathon mit den Schwestern. Lara Jean macht keine entzückend altmodischen Popkulturanspielungen mehr, wie „Du bist vielleicht ein James Dean!“, sondern gibt infantil-verträumte Pseudoweisheiten von sich: „In einem Moment steht alles auf dem Kopf, aber im anderen ist überall Glitzer.“

          Als Produktionsleitung auf Standardmotive statt auf Eigensinn und Ecken und Kanten zu setzen, könnte an dem Ergebnis schuld sein. Auch ist es die erste Regiearbeit von Michael Fimognari, der eigentlich Kameramann ist, also unerfahren damit, Schauspieler zu führen. Jedenfalls ist der Regisseurin Susan Johnson mit dem ersten Teil etwas Besonderes gelungen, das der Regisseur Fimognari leider nicht fortgesetzt hat.

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