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Technologische Visionen : Captain Kirk als Erzieher

  • -Aktualisiert am

Was mit der Science-fiction von „Star Trek“ begann, befeuert nun die technologische Entwicklungen der Gegenwart: Eine Umschau aus dem Jahr 2000 in der Twilight-Zone zwischen Wissenschaft, Phantasie und Politik.

          Wahrscheinlich, sagt sich der Besucher, wahrscheinlich sind Bill Joys Sorgen nichts weiter als Science-fiction. Vermutlich handelt es sich um die Ängste eines entlaufenen Ingenieurs. In dieser Stimmung nahm er befriedigt zur Kenntnis, daß es auf Bill Joys wilde Ängste eine Entgegnung gab. Sie stammt von Robert A. Freitas und ist unter dem Titel „Some Limits to Global Ecophagy“ auch im Internet abrufbar. Freitas reagiert auf die Befürchtung, Nano-Roboter könnten sich unkontrolliert auf der Erde vermehren.

              Eine Erwiderung, die Joy in das Reich der Science-fiction verweist - wer hätte nicht darauf gewartet? Die Antwort auf Bill Joy umfaßt dreißig Seiten. Darin sind umfangreiche Berechnungen. Aber diese Berechnungen sagen nicht, daß es unmöglich ist, atomare Nanoboter zu bauen. Sie sagen vielmehr, woran man merken wird, daß sie sich unkontrolliert vermehren, und was man dagegen unternehmen kann. Freitas berechnet, wie man anhand der Erderwärmung die Ausbreitung von Nanobotern messen könnte. Er berechnet den Energieverbrauch aller Insekten und aller Vögel auf der Erde. Freitas Papier liegt bereits den amerikanischen Behörden vor, die Präsident Clintons Nano-Initiative befördern sollen. Es ist eine Empfehlung an die Politik.

          Das Erstaunliche an dieser wissenschaftlichen Debatte ist, daß sowohl Joy wie auch Freitas von einer Technologie reden, die im Augenblick noch nicht einmal in Ansätzen realisierbar erscheint. Und dennoch stimmen beide überein, daß sie die nächste industrielle Revolution markieren wird. Joy voller Besorgnis, Freitas voller Hoffnung.

          Robert Freitas ist keine vierzig Jahre alt. Er hat im Auftrag der Nasa eine umfangreiche Untersuchung zu selbstreproduzierenden Systemen bei langen Raumflügen verfaßt. Soeben hat er den ersten Band seiner „Nanomedizin“ veröffentlicht, einer Wissenschaft, die es ebenfalls noch nicht gibt, aber in diesem Werk bis in die Details beschrieben wird. Er ist ein stiller, ganz und gar unspektakulärer Wissenschaftler. Zu seinen mächtigen Förderern zählt der Nobelpreisträger R. E. Smalley, der in seinem Vortrag „Nanotechnologie und die nächsten fünfzig Jahre“ entscheidend zur Etablierung der neuen Wissenschaft beigetragen hat. Ray Kurzweil und Ralph Merkle gehören ebenfalls zu denjenigen, die es schwierig machen, Robert Freitas einen Phantasten zu nennen. „Wir müssen lernen“, so sagte Smalley in seinem Vortrag, „wie man Maschinen und Materialien baut, wie es das Leben selber tut: Atom bei Atom, auf dem gleichen Nanometer-Maßstab, wie bei der lebendigen Zelle.“ „Dies werden wir lernen“, sagt Freitas.

          Freitas hat Joy geantwortet, weil er dessen Sorgen für berechtigt hält. „Wir tun genau das hier“, sagt er in einem bunkerähnlichen Pavillon bei Dallas. Die Firma Zyvex nennt sich selbst das erste private molekular und nanotechnisch ausgerichtete Unternehmen in Amerika. Sie bauen keine Nanobots - aber das, so sagt Freitas, ist nur eine Frage der Zeit. „Wir können schon einzelne Atome mit unseren Zangen bewegen“, sagt er, „aber wir können sie noch nicht genau da ablegen, wo wir sie ablegen wollen“. Gelänge das, ließe sich theoretisch jedes Material neu erschaffen. Im Augenblick baut Zyvex das Werkzeug. Zangen, die 0,5mm lang sind und sich tausendmal in der Sekunde öffnen und schließen.

          Der Besucher überläßt den Artikel über Möglichkeiten und Risiken der Nanotechnologien seinem kundigen Kollegen. Ihn interessiert neben dem Gespensterdialog zwischen Joy und Freitas, wie die Phantasie beschaffen ist, aus der die neue Wirklichkeit entsteht. „Ich war ein totaler Trekkie“, sagt Freitas und meint damit: ein Fan der Serie „Raumschiff Enterprise“.

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