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Technologische Visionen : Captain Kirk als Erzieher

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Jetzt stehen wir, wie Bill Clinton anläßlich der nanotechnologischen Initiative seiner Regierung im Februar sagte, am Vorabend der „dritten industriellen Revolution“. Wäre es nicht an der Zeit, nach dem Rollenverständnis der Agenten dieser Revolution zu fragen? Nach ihren Prägungen, Vorbildern und Zielen? Nicht Bill Joy, sondern Jeremy Rifkin beschreibt die Lage mit folgenden Worten: „Nie zuvor in ihrer Geschichte ist die Menschheit derart unvorbereitet gewesen auf die neuen technologischen und ökonomischen Möglichkeiten, Herausforderungen und Risiken, die sich an ihrem Horizont abzeichnen. Unsere Lebensweise wird sich in den nächsten Jahrzehnten vermutlich tiefgreifender verändern als in den vergangenen tausend Jahren. Im Jahre 2025 werden wir und unsere Kinder vermutlich in einer Welt leben, die sich in fundamentaler Weise von allem unterscheidet, was Menschen in der Vergangenheit je erfahren haben.“ Rifkin nennt diese Veränderung lakonisch die „Neuerschaffung der Welt“.

Man hat sich immer gefragt, was für Menschen aus den Galaxien Hollywoods einst entstehen werden. Hier hat man sie: die erste Generation. Bill Joy, als Gründer von Sun-Microsystems einer der bedeutendsten Antreiber dieser Veränderung, fällt als sein wichtigstes Kindheitsmuster Star-Trek ein. Im Büro von Rick Rashid, des Chefs der Forschungsabteilung von Microsoft, findet der Besucher nur Star-Trek-Memorabilia. Nathan Myrvhold sammelt alte reale und irreale Supercomputer, und, beeinflußt von der Gen-Science-fiction Michael Crichtons, Dinosaurier-Relikte. Craig Venter fühlt sich nicht nur Kolumbus verwandt (dessen Ozeanüberquerung er nachsegelte), sondern auch dem Captain Nemo von Jules Verne. Der „Scientific American“ illustriert, um die Chancen der Teleportation zu beschreiben, Text und These mit jenem „Beam me up, Scotty“, das dem Sternen-Epos entnommen wurde.

 Vor zwei Jahren veröffentlichte die MIT-Press ein Buch mit dem Titel „HALs Erbschaft: Die Computer von 2001 als Traum und Wirklichkeit“. Eine Reihe von Wissenschaftler diskutiert darin, ob es HAL je geben könnte und welche technischen Voraussetzungen dafür nötig wären. Wichtiger als der niederschmetternde Befund - Computer können noch nicht einmal so reden, wie HAL es im Film tut -, ist folgende Botschaft: HAL ist Phantasie, nicht Wissenschaft. Aber HAL hat unzählige Wissenschaftler dazu animiert, aus der Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Der „Scientific American“ ging sogar so weit zu vermuten, daß der anthropomorphe Blick auf den quasimenschlichen Computer sich fast einzig und allein diesem Film verdankt. „Die Computer“, so schrieb die Zeitschrift in Erinnerung an HALs fiktives Geburtsjahr, „sind auch nicht annähernd so wie HAL. Aber ohne die Menschen, die der Vision folgten, die Clarke und Kubrick ausdrückten, würden selbst unsere begrenzten Mittel künstlicher Intelligenz nicht existieren.“

Wir wissen seit Jahrhunderten, daß Kunst die Wirklichkeit verändern kann, und ausgerechnet in Deutschland hat diese Einsicht unter dem Titel „Bildungsroman“ ein ganzes Genre begründet. Aber immer noch weigern wir uns, diese Einsicht auf die wissenschaftliche und naturwissenschaftliche Wirklichkeit auszudehnen. Das Genre, das Wilhelm Meister zum Theatermann und Hans Castorp zum Philosophen machte, pflanzte einer ganzen Generation von Wissenschaftlern und Ingenieuren ihre Visionen ein.

 Wenn Jaron Lanier beklagt, daß diese Generation nicht mehr mit den Mitteln der wissenschaftlichen Skepsis groß geworden sei, dann hat dies mit der quasiästhetischen Erziehung der Ingenieure und Wissenschaftler zu tun. Es stimmt, in den Hoffnungen ebenso wie in den Ängsten der Kurzweil, Joy, Rifkin, Venter oder Freitas steckt eine Form von bohemienhafter Verrücktheit, die hierzulande kaum verstanden wird. Aber es steckt in ihnen auch ein beträchtlicher Mut zum gedanklichen Risiko, gleichsam eine Weiter-Berechnung der Erbschaft des zwanzigsten Jahrhunderts. „Warum können wir die vierundzwanzigbändige Encylopedia Britannica nicht auf den Kopf einer Stecknadel schreiben?“, fragte vor 41 Jahren der große amerikanische Physiker Richard Feynman, und gab sogleich die Antwort: es gebe genug Platz. „Damit“, sagt Robert Freitas, „begann die Nanotechnologie. Und wissen Sie was: Es gibt genug Platz da für uns alle.“

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