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Technologische Visionen : Captain Kirk als Erzieher

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Ich wurde erschaffen in Illinois

Wer fassen will, was augenblicklich in der neuen Twilight-Zone zwischen Wissenschaft, Phantasie und Politik entsteht, muß solche Bekundungen ernst nehmen. Die großen Epen des futuristischen Films und der Literatur haben diese vierzigjährigen Wissenschaftler geprägt wie die Generation Heinrich Schliemanns die Epen Homers. Sie haben die Ausbildung und - dank der New economy - die enormen finanziellen Mittel, ihre Version der Wirklichkeit voranzutreiben. Schliemann wollte Troja finden, jene suchen nach den utopischen Orten ihrer Kindheit. Darin steckt nicht nur der kindliche Wunsch, durch stellare Räume und Welten zu fliegen oder jenen wissenschaftlichen Ruhm zu empfangen, der jetzt dem hier seelenverwandten Craig Venter zusteht. Es geht auch um den Tod und die Angst vor ihm. Jim van Ehr, der durch komplexe Software-Entwicklungen zum Milliardär wurde, finanziert Zyvex. Er ist ungeduldig. Er sei fünfzig Jahre alt. Es bleibe ihm nicht mehr so viel Zeit. Auch er trägt alle Zukunftsbilder Hollywoods mit sich herum. Sie wollen erleben, was diese Zukunft sein wird, und sei es durch Einfrieren nach dem Tode, zu dem sich nicht nur Freitas, zu dem sich plötzlich fast das ganze Labor bekennt.

 „Ich wurde erschaffen in der HAL Fabrik in Urbana, Illinois, am 12. Januar 1997“. Mit diesen Worten stellt sich in Arthur C. Clarkes 1968 erschienenem Roman „2001 - A Space Odyssey“ (der bekanntlich später von Stanley Kubrick verfilmt wurde) der Supercomputer HAL vor, jene künstliche Intelligenz, die Schiff und Crew den Untergang bringen wird. Wir schreiben den 1. August 2000, und immer noch ist HAL reine Utopie. Eine Utopie freilich, die, wie einst die Helden der wahren Odyssee, in den Köpfen und im Phantasiehaushalt ganzer Generationen ihr Stimme erhebt.

Dergleichen unter Intellektuellen ernst zu nehmen ist verpönt. So war es vor allem eine Passage in Bill Joys Streitschrift über eine Zukunft, die uns nicht braucht, die manchen Intellektuellen unter seinen Verächtern zu besonderem Spott herausgefordert hat. Es ist der Augenblick, in dem er seinen Bildungsroman erzählt: Er besteht aus den Science-fiction-Autoren Asimov und Heinlein und vor allem aus Star-Trek, den Abenteuern des Raumschiffs Enterprise, die er am Bildschirm sah, während seine Eltern zum Bowling gingen. Das, so hieß es, sei auch die Qualität seiner Warnungen: Science-fiction nach Art einer amerikanischen Seifenoper.

Jahrzehntelang haben wir uns auf ideologiegeschichtliche Lektüre geschult: auf Motive, Prägungen, Weltbilder. Wieso denkt einer, wie er denkt? Was hat ihn indoktriniert? Jahrzehntelang hat eine alteuropäische Besorgniskultur nach den Wirkungen Hollywoods auf kindliche Seelen gefragt. Und jetzt, wo gleichsam die Ernte eingefahren wird, wo wir mit den Resultaten von Captain Kirk als Erzieher konfrontiert werden, nur Hohn und Spott? Hat denn nicht wenigstens die professionelle Kultur- und Literaturkritik bemerkt, was hier vor sich geht?

Beam me up, Scotty

Wer, wenn nicht die Europäer, wer, wenn nicht die Deutschen, könnte ein Lied davon singen, welche Macht Rollenbilder über die Wirklichkeit gewinnen können? Kriege sind deswegen begonnen worde, und ganze Generationen wurden in ihrem Namen verheizt. Man hat die Bilder und die Prosa studiert, welche das Selbstbewußtsein der Leitfiguren der industriellen Revolution konstituierte, und man hat ihren Lebenszyklus - von der Entdeckung der Elektrizität bis zum Untergang der Titanic - in Parabeln gefaßt.

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