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Teatro Colón in Buenos Aires : Der neue Glanz einer alten Diva

  • -Aktualisiert am

Majestätischer Glanz: Das Teatro Colón will es mit den großen Opernhäuser dieser Welt aufnehmen Bild: ASSOCIATED PRESS

Eine Zukunft ohne Kaugummis und Zigarettenstummel: Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten nimmt das legendäre Teatro Colón in Buenos Aires den Spielbetrieb wieder auf - und zwar mit dem Planziel erste Liga.

          Lange genug ist an der alten Dame herumgewerkelt worden. Trotzdem hätte vor einigen Monaten noch kaum jemand einen Peso verwetten mögen, dass das Teatro Colón in Buenos Aires, eine der traditionsreichsten Opernbühnen der Welt, nach jahrelangen zwingend notwendigen Restaurierungen zu den Zweihundertjahrfeiern der Unabhängigkeit Argentiniens am 25. Mai 2010 den Spielbetrieb wiederaufnehmen werde. Der erste mögliche Anlass, der hundertste Geburtstag des Hauses am 25. Mai 2008, war grandios verpasst worden. Verzögerungen bei derart gigantischen Projekten sind üblich, doch was mit dem Teatro Colón geschah, war der betagten und immer noch attraktiven Diva schlicht nicht würdig.

          Das Schlimmste, was passieren konnte, ist auch eingetreten: ein Wechsel der Stadtregierung. Das Teatro Colón ist ein städtisches Theater und deshalb vom Wohl und Wehe der kommunalen Verwaltung abhängig. In den ersten Monaten 2008 waren die Arbeiten fast zum Stillstand gekommen. Der neue Bürgermeister Mauricio Macri wollte demonstrieren, dass er alles ganz anders mache als seine Vorgänger. Erst als die seiner Administration genehmen Firmen engagiert waren, begann es wieder wie geschmiert zu laufen. In die Renovierung hat die Stadt umgerechnet mehr als siebzig Millionen Euro gesteckt.

          Unverwechselbar transparent und kernig

          Das Haus war völlig heruntergekommen, weil sich seit Jahrzehnten niemand um die Instandhaltung gekümmert hatte. Hinzu kam Vandalismus: Kiloweise mussten Kaugummis, Zigarettenstummel und andere Hinterlassenschaften entfernt werden. Im übrigen war die an Hysterie grenzende Angst, eine tiefgreifende Renovierung könnte die gerühmte Akustik des Hauses beeinträchtigen, lange Zeit eine schier unüberwindliche Hemmschwelle.

          Noch ist das Foyer leer: Das Teatro Colón soll zum Nationalfeiertag am 25. Mai wiedereröffnet werden

          Mittlerweile gab es Entwarnung. Beethovens vielstrapazierte „Neunte“ musste herhalten, um bei einer „privaten“ Aufführung für die 1500 an der Restauration beteiligten Arbeiter zu beweisen, dass weder die Modernisierung der Bühnentechnik noch die komplette Erneuerung des Gestühls, die Restaurierung von Stuck und Schmuck und vor allem nicht der Ersatz der seidenen Wandbespannung in den Logen durch feuerfeste Stoffe den unverwechselbar transparenten und doch kernigen Klang des Hauses entscheidend verändert haben. Endgültige Klarheit aber dürften erst die Repertoireaufführungen mit komplettem szenischen Apparat schaffen.

          Hoffnung auf respektable Opernbühne

          Mit der baulichen Auffrischung des Teatro Colón sollte auch eine künstlerische einhergehen. Doch dieses Vorhaben begann mit einem eklatanten Missgriff. Bürgermeister Macri berief als künstlerischen Leiter einen früheren Gymnasialdirektor: Horacio Sanguinetti, einen Opernliebhaber bar jeglicher Fähigkeit, ein Theater zu führen. Sanguinetti beseitigte mit einem Federstrich eine bereits von seinem Vorgänger, dem Sänger und Regisseur Marcelo Lombardero, durchgeplante Opernsaison auf Ausweichbühnen, verordnete dem Publikum eine „Opernsaison ohne Oper“, also nur Konzerte und Ballettaufführungen - und gab dann ohne Begründung auf.

          Dass sich die künstlerischen Leiter im Teatro Colón fast jährlich die Klinke in die Hand geben, hat Tradition. Jeder, der im argentinischen Kulturleben eine halbwegs gewichtige Funktion innehat, durfte sich schon einmal daran versuchen, den Koloss zu kommandieren: Regisseure, Komponisten, Musikkritiker, Sänger, Mäzene. Mit der Berufung des Komponisten Pedro Pablo García Caffi scheint man nun aber einen Glücksgriff getan zu haben. García Caffi hat von 1999 bis 2002 das Teatro Argentino in La Plata zu einer respektablen Opernbühne gemacht, die sogar mehr als einmal das Teatro Colón ausstach.

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