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Tayyip Erdogan : Der Kapitän

Den Profivertrag bei Fenerbahçe schlug er aus: Der Fußballer Erdogan, Mitte der siebziger Jahre. Bild: Polaris/laif

Es ist noch gar nicht so lange her, da lud Tayyip Erdogan die Assads zum gemeinsamen Urlaub nach Bodrum ein. Nun lässt er an der Grenze Truppen aufmarschieren. Was treibt den türkischen Ministerpräsidenten an?

          7 Min.

          Als die Assads noch die nettesten Nachbarn der Welt waren, verbrachten die Erdogans einmal ein paar Urlaubstage mit ihnen in Bodrum. Der türkische Ministerpräsident und seine Frau Emine fuhren zum Flughafen, um die Assads persönlich abzuholen, es gibt eine ganze Reihe Fotos davon. Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt, man sieht, wie sie einander auf dem Rollfeld begrüßen, und wenn man die Fotos länger betrachtet, dann fällt einem auch auf, wie unglaublich gerade Baschar al Assad dauernd seinen Rücken hält. Ganz anders Erdogan: Ständig fasst er Assad am Arm oder an der Schulter, was ein wenig tapsig wirkt und eher so, als sei der Mann auf dem Rollfeld nicht der syrische Präsident, sondern vielleicht ein etwas überfordert wirkender Schwiegersohn oder Cousin, den Erdogan vor Freude gleich drücken, vielleicht auch auf beide Wangen küssen wird. Asma al Assad lächelt leicht verlegen, ist aber wie immer reizend anzusehen. Sie trägt Pumps und ein schwarzes kurzes Kleid. Emine Erdogan hat ein Kopftuch umgebunden und ein Jackett an und einen Rock aus schwerem weißem Stoff. Auf einem Bild hebt ein Windstoß ihre Jacke, es ist zu erkennen, dass der Rock um ihre Taille spannt und einem kleinen Bauch die Chance gibt, sich äußerst deutlich abzuzeichnen.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Emine Erdogan muss dieses Detail ihres Auftritts später sehr unangenehm gewesen sein. Und sicherlich waren sie und Erdogans Berater-Team auch für die andere Wahrheit nicht blind, die sich ihnen auf den Fotos grausam zeigte: Neben der Eleganz der Assads wirkten die Erdogans sympathisch, aber irgendwie plump und ziemlich provinziell.

          Persönlich betrogen

          Etwas von dem Glamour der Assads würde schon auf sie abfärben, hatten Emine Erdogan und ihr Mann damals, der gemeinsame Urlaub in Bodrum war 2008, sicherlich angenommen und sich darauf gefreut. An internationaler politischer Anerkennung mangelte es dem türkischen Ministerpräsidenten zu diesem Zeitpunkt zwar nicht - den besten Beweis für den Erfolg seiner neuen außenpolitischen Strategie mit dem programmatischen Titel „Null Probleme mit den Nachbarn“ hatte Erdogan ja gerade zum gemeinsamen Urlaub abgeholt. Was ihm aber fehlte, war die Anerkennung der türkischen Haute-Volée, die mit großer Freude über das Paar lästerte. Eingeladen zu deren Partys und Empfängen wurden die Erdogans nur, wenn es um private Vorteile ging. Und so war die Freundschaft mit den schicken Assads nicht nur politisch verheißungsvoll, sondern auch die Chance, es einmal dem türkischen Establishment so richtig zu zeigen. Man kann sagen: Es gelang. Umso größer ist freilich die Häme, die Erdogan heute wegen des Urlaubs mit dem syrischen Diktator ertragen muss. Die türkische Zeitung „Hürriyet“ ließ es sich nicht nehmen, mit einer riesigen Fotostrecke im Internet genüsslich auszubreiten, wie sympathisch man sich einmal fand.

          Als sie noch Freunde waren: Die Erdogans und die Assads im August 2008 in Bodrum.
          Als sie noch Freunde waren: Die Erdogans und die Assads im August 2008 in Bodrum. : Bild: AP

          Dass die Assads auf die Türkei und auf die Erdogans herabschauen, ist schon länger bekannt. Als die Situation in Damaskus im vergangenen Jahr eskalierte, nahm Erdogan den syrischen Präsidenten in Schutz, glaubte monatelang an die Reformversprechen von „Baschar“ (die beiden duzten sich), und als er sie brach, fühlte „Tayyip“ sich öffentlich blamiert: als dessen väterlicher Freund und als dessen politischer Lehrmeister, und als Mediator bei Nachbarschaftsstreitereien im Nahen Osten, denn als solcher hatte er sich gesehen. Und Erdogan machte keinen Hehl daraus, dass er sich auch persönlich betrogen fühlte: „Die Freundschaft der Türkei ist wertvoll, aber jeder sollte wissen, dass der Zorn der Türkei gewaltig sein kann“, sagte er am Dienstag in einer Rede vor den Abgeordneten seiner Partei, nachdem der Nato-Rat den Abschuss eines türkischen Militärflugzeugs durch die syrische Luftabwehr als „nicht hinnehmbar“ verurteilt hatte. Al Dschazira übertrug Erdogans Worte live in die arabische Welt. Wer dort den Fernseher einschaltete, sah einen Erdogan, der stellenweise wirkte, als knöpfe er sich den ehemaligen Freund gerade selbst an einer dunklen Straßenecke vor: Tief und ruhig die Stimme, sparsam die Gesten, doch in der Botschaft bedrohlich und äußerst klar.

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