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Taubblinde in Deutschland : Es liegt keine Problemanzeige vor

Das Lorm-Alphabeth der Taubblinden - Bestimmte Berührungen stehen für einzelne Buchstaben Bild: picture-alliance / dpa

Wir glauben, der Staat sorge sich um uns. Doch das ist eine Illusion. Es gibt Lücken. Und Opfer. Wer durch seine Raster fällt, ist verloren - so wie der taubblinde Herr R. Die Geschichte eines Versagens.

          12 Min.

          Der Sozialstaat ist ein Versprechen. Er schließt aus, dass ein Mensch das Opfer von Strukturen wird und ins Bodenlose fällt. Wer durch ein Unglück plötzlich einer Minderheit und nicht mehr der Mehrheitsgesellschaft angehört, den fängt der Sozialstaat auf. So muss es sein in Deutschland, denkt man, aber das ist ein Irrtum.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Name Bethel stammt aus dem Hebräischen und bedeutet Haus Gottes. Das Haus steht in Bielefeld, es ist ein weitläufiges Dorf mit Parkanlagen, Seen, einem Wald in der Nähe. In Bethel werden Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen betreut, sie leben und arbeiten dort, Bethel ist ihr Zuhause. Vor mehr als hundertvierzig Jahren wurden die Bodelschwinghschen Anstalten gegründet, heute ist Bethel das größte diakonische Unternehmen Europas. Dessen Grundsätze kann man auf der Homepage nachlesen. Dort ist vom „Mensch-Sein“ und vom „christlichen Auftrag“ die Rede. Bethel achte die Würde des Einzelnen und schütze sein Recht auf persönliche Entfaltung. „Unser Ziel ist es, den von uns betreuten Menschen ein Höchstmaß an Lebensqualität zu ermöglichen.“ Wer in Bethel lebt, soll sein Leben bejahen.

          Unter geistig Behinderten

          Herr R. lebt seit fünfzig Jahren in Bethel. Er ist Mitte sechzig, groß, schlaksig, das Haar ergraut. Von Geburt an ist er blind, er wurde mit leeren Augenhöhlen geboren. Im Laufe der Jahre verlor er auch noch sein Gehör, nur im linken Ohr ist ihm ein kleiner Rest geblieben. Jetzt gilt er als taubblind. Vor ihm steht ein Computer, der die Wörter auf dem Bildschirm in Blindenschrift überträgt und auf einem taktilen Display wiedergibt. Herr R. ertastet die Fragen, die man ihm per Tastatur stellt, und beantwortet sie mündlich. Sein Gehirn erinnert sich daran, dass er einmal ausgezeichnet sprechen konnte. Die Sprache ist mit der Zeit brüchig geworden, ihr Klang hart. Manche Wörter zieht Herr R. in die Länge, andere verschluckt er fast, trotzdem versteht man jedes einzelne.

          Kommunikation zwischen einem Taubblinder und einem Dolmetscher
          Kommunikation zwischen einem Taubblinder und einem Dolmetscher : Bild: dpa

          Er lese gern, sagt er, am liebsten in der Bibel. Er schreibe auch Briefe an Freunde, oft sitze er aber nur in seinem Zimmer.
          Hat er je das Meer gehört?
          „Ja, in Spanien.“ Er ahmt das Klatschen von Wellen auf einen Fels nach.
          Und ob er einsam ist?
          „Ja, einsam, das bin ich schon.“



          Herr R. kann sich nicht hören, weshalb er sehr laut spricht. Tut er das im Aufenthaltsraum, verpasst ihm einer der Mitbewohner eine Kopfnuss, damit er ruhig ist. Der Schlag kommt jedes Mal aus heiterem Himmel. Er sieht den Angreifer nicht, aber der Angreifer sieht ihn, jeder sieht und hört Herrn R., aber keiner weiß, was mit ihm los ist. Die Menschen, die im Ebenezerhaus leben, sind geistig behindert. Alle, nur Herr R. nicht.

          Das Einfachste ist unmöglich

          Er sitzt zwischen ihnen wie ein Fremdkörper, manchmal rempelt ihn versehentlich jemand an. Herr R. ist seiner Umwelt ausgeliefert, er hat nicht die geringste räumliche Vorstellung der Umgebung, im Ebenezerhaus gibt es weder taktile Leitlinien in den Gängen noch Handläufe. Herr R. hat auch keinen Blindenstock, nur ein Rohr, mit dem er nicht umgehen kann, weil es ihm in den letzten fünfzig Jahren niemand beigebracht hat. Er schleift es hinter sich her. Taubblinde Menschen verständigen sich durch taktiles Gebärden und Lormen. Beim taktilen Gebärden ertastet man die Gebärdensprache, beim Lormen stehen bestimmte Berührungen der Handinnenfläche für einzelne Buchstaben. Aber auch das hat Herr R. nie gelernt. Er muss jeden Tag hoffen, dass ihn ein Betreuer in den Computerraum oder nach draußen führt, damit er auf einer Bank in der Sonne sitzen kann, sonst sitzt er in seinem kargen Zimmer. Mitarbeiter, die ihm etwas sagen wollen, brüllen ihm ins linke Ohr. Meistens sind es einzelne Wörter wie „Mittagessen“. Auf die Frage, warum Herr R. in völliger Isolation zwischen geistig behinderten Menschen lebt, obwohl er gar nicht geistig behindert ist, antwortet ein Mitarbeiter schulterzuckend: „Nach heutigen Maßstäben gehört Herr R. nicht nach Bethel.“
          Warum ist er dann überhaupt noch dort?

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