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Taubblinde in Deutschland : Es liegt keine Problemanzeige vor

Solche Schicksale sind möglich, weil Taubblinde eine diskriminierte Minderheit darstellen, die nicht einmal in unserer Begriffswelt auftaucht. Was, das gibt es?, wird man gefragt. Irmgard Reichstein kämpft seit Jahren dafür, dass sich das ändert. Ihr Schriftverkehr mit Ministern, Behindertenbeauftragten und Abgeordneten füllt mehrere Ordner, trotzdem hat sie oft das Gefühl, ins Leere zu schreiben. Auf eine Antwort wartet sie wochenlang, und dann flüchten sich die Politiker in Floskeln. Sie danken ihr für den Brief und loben sie: „Nach wie vor stellt Ihr Engagement einen wichtigen Beitrag zur Intensivierung des öffentlichen Bewusstseins dieser hoch komplexen Thematik dar.“

Man nehme sich der Problematik an, prüfe den Sachverhalt und leite ihn an die zuständige Stelle weiter. Im Augenblick sei eine Neuregelung der Bordsteinhöhe dringlicher. „Behinderte und Jugendliche, da wird als Erstes gespart“, sagte neulich eine Ministerin zu Frau Reichstein. „Hören Sie auf zu träumen.“ Aus dem Büro des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, heißt es: „Leider ist eine Einführung zusätzlicher Hilfe und Unterstützungsleistungen für taubblinde Menschen in den nächsten Jahren nicht absehbar.“

Ein Telefongespräch mit dem Behindertenbeauftragten von Nordrhein-Westfalen, Norbert Killewald. In Recklinghausen gab es von 2005 bis 2007 eine Beratungsstelle für Taubblinde, finanziert von der „Aktion Mensch“. Sie wurde geschlossen, weil das Land die Kosten nicht übernehmen wollte. Killewald sagt: „Das war vor meiner Zeit.“ Welche konkreten Maßnahmen Taubblinden während seiner Amtszeit helfen könnten, dazu will er sich nicht äußern. Gerade sei die vierte Taubblindenassistenzausbildung bewilligt worden, sagt er. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine Regelfinanzierung, das Projekt kann also jederzeit gekippt werden. Wie viele Assistenten pro Jahr ausgebildet werden, weiß Killewald nicht. Es scheint ihn auch nicht zu interessieren. „Fragen Sie die Frau von der Stiftung“, sagt er.

Irmgard Reichstein ist für die Politik kein ernstzunehmender Gegner. Sie ist für sie lediglich eine lästige Frau, die eine Stiftung gegründet hat, weil ihr Bruder taubblind ist, was in die Kategorie „Familienschicksal“ fällt. „Man geht davon aus, dass ich bald aufgebe“, sagt sie. Doch der Glaube, die bürokratischen Mühlen werden sie zermürben, ist ein Trugschluss. Mittlerweile ist einigen klargeworden, dass Irmgard Reichstein es ernst meint. Sie arbeitet eng mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden und Behindertenorganisationen zusammen.

Das Netzwerk wird größer, ihr Einfluss wächst. Die Taktik, Personen loszuwerden, indem man sie auflaufen lässt, funktioniert bei ihr nicht. Das liegt an ihrer Hartnäckigkeit und Geduld, vor allem aber daran, dass Irmgard Reichstein nicht als Betroffene handelt. Sie handelt als Mitglied einer Gesellschaft, dem die Tatsache, dass es in diesem Land Minderheiten gibt, die durch jedes Raster fallen, als wären sie inexistent, Angst einjagt. Sie selbst könnte plötzlich auf der falschen Seite stehen. Jeder könnte das. Dafür muss man gar nicht taubblind werden.

Winzige Rädchen im riesigen System

„Der Fall R. ist eine Menschenrechtsverletzung“, sagt Irmgard Reichstein, sie hat das Institut für Menschenrechte in Berlin informiert. Jetzt liegt der Fall bei Valentin Aichele, dem Leiter der Monitoring-Stelle, die die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Regierung überwacht. Irmgard Reichstein dachte, beim Institut für Menschenrechte ist sie richtig.

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