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Taubblinde in Deutschland : Es liegt keine Problemanzeige vor

Strukturelle Diskriminierung

Der ist auch Frau L. widerfahren. Frau L. ist taubblind, 2004 wurde für sie ein Computer mit Braille-Zeile, Screenreader, einem computergestützten Kommunikationssystem und einem speziellen Lesesystem bei der Krankenkasse beantragt. Die Kasse teilte Monate später mit, dass sie einen Zuschuss zur Braille-Zeile gewähre, aber keine weiteren Kosten trage. Frau L. legte Widerspruch ein. Ohne Erfolg. Mit dem genehmigten Betrag sei „die Krankenkasse ihrem gesetzlichen Auftrag auf Versorgung mit Blindenhilfsmitteln in vollem Umfang nachgekommen“. Frau L. wurde empfohlen, die synthetische Sprachausgabe zu nutzen und sich Texte damit vorlesen zu lassen. Sie klagte beim Sozialgericht und bekam recht. Unterdessen waren eineinhalb Jahre vergangen. Was Frau L. erlebte, passiert ständig. In anderen Fällen bekommen Taubblinde Lichtklingeln genehmigt. Eine Lichtklingel funktioniert über visuelle Reize: Sobald das Telefon läutet oder jemand an der Tür klingelt, blinkt ein Lämpchen gut sichtbar auf.

Taubblinde brauchen persönliche Assistenz, wie sie in Norwegen oder Finnland gewährt wird. Ohne Assistenz spielt sich das Leben für sie hinter verschlossenen Türen ab. Sie benötigen auch Punktschriftmaschinen, Hindernismelder mit Vibration, Notfall-Handys mit Braille-Zeile: Hilfsmittel, die kein Katalog auflistet. Also findet sie der Sachbearbeiter auch nicht.

„Die Diskriminierung Taubblinder ist ein strukturelles Problem. Sie müssen endlich ein eigenes Merkzeichen Tbl im Schwerbehindertenausweis bekommen, sonst ändert sich nie etwas“, sagt Irmgard Reichstein. Sie kommt aus dem Management, alles an ihr ist entschlossen, der Gang, der Blick, die Sprache, immer auf den Punkt. Aber sie ist dabei nicht verbissen, sie kennt nur genau ihr Ziel. Vergangenes Jahr hat sie die Stiftung „taubblind leben“ gegründet. Ihr Bruder leidet am Usher-Syndrom, er ist taub, seine Umwelt nimmt er nur noch schemenhaft wahr. Im Augenblick sammelt die Stiftung Unterschriften für ein Tbl-Merkzeichen, mehr als 12.000 Menschen haben sich bislang beteiligt, im Herbst soll die Liste den zuständigen politischen Instanzen übergeben werden. Irmgard Reichstein sagt: „Eine Behinderung, die nicht formal anerkannt ist, die gibt es nicht.“

Den Lebensbereich ausweiten

Auch Carola Cuypers hat auf der Liste unterschrieben. Sie ist die rechtliche Betreuerin von Herrn R. in Bethel. Vor ein paar Monaten erhielt Frau Cuypers einen Anruf von der Behörde. Ob sie die Betreuung eines Manns in Bethel übernehmen könne? Ihre Aufgabe ist in erster Linie, Herrn R.s Gelder vom Sozialamt zu verwalten und in seinem Sinne zu investieren. Tut sie das nicht und übersteigt Herr R.s Konto eine festgesetzte Summe, holt sich das Sozialamt das Geld zurück. Über Herrn R. erfuhr Carola Cuypers, dass er im Ebenezerhaus lebt, mehr nicht. „Also dachte ich, Herr R. ist geistig behindert“, sagt sie. Dass Herr R. Herr über seinen Verstand ist, wurde ihr bei der ersten Begegnung klar.

Sie besuchte Herrn R. nun zweimal die Woche, ging mit ihm spazieren, bestellte einen Techniker, als die Braille-Zeile nicht funktionierte, tröstete ihn, wenn er weinte. Ihre Geduld ist unerschütterlich. Sie fuhr mit ihm nach Bad Meinberg, wo eine vom Blinden- und Sehbehindertenverband organisierte Reha-Woche stattfand. Herr R. traf dort auf andere Taubblinde, es war das erste Mal in seinem Leben. „Er blühte richtig auf“, sagt Carola Cuypers. In Bethel beobachtete man ihren Tatendrang misstrauisch. „Sie kommen aber oft. Überfordern Sie Herrn R. nicht“, hieß es.

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