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Tanztheater : Mann müsste man sein

  • -Aktualisiert am

Bollywood lernt fliegen: Pina Bausch entdeckt Indien in Wuppertal Bild: dpa

Für ihr neues Stück ließ sich Pina Bausch von Indien inspirieren. Von indischer Kultur ist jedoch wenig zu entdecken, von Kampf und Unglück der Geschlechter hingegen um so mehr. Nichts will dabei so recht zusammenpassen.

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          Was haben die folgenden vier Szenen miteinander zu tun? Erstes Bild: Ruth Amarante rennt an der Hand ihres Partners im Kreis über die Bühne, beim dritten Mal springt sie im Laufen mit einem Fuß auf einen Stuhl und hechtet von da, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern, mit einem weiten Satz in die Arme des Mannes. Bei der übernächsten Runde wird sie ihn mit ihrem Gewicht zu Boden reißen. Zweites Bild: Rainer Behr legt zwei von Pina Bauschs langbeinigen Schönheiten die Arme um die Schultern und wird von ihnen weggetragen, während er charmante Konversation mit ihnen betreibt und sein Lächeln unerträglich selbstbewusstes männliches Überlegenheitsgefühl ausdrückt - nur stört irgendwie, dass seine Füße zwanzig Zentimeter über dem Boden baumeln.

          Drittes Bild: Vor dem gemalten Konterfei eines indischen Paares - vermutlich aus der Filmindustrie Bollywoods - erscheint ein Tänzerpaar, sie ist in Schmuck und bunten Stoff gehüllt. „Ich bin gefloooogen!“, ruft sie ekstatisch aus, als wolle sie die zahlreichen Höhepunkte ihres Lebens als Star in einem Satz mit Ausrufezeichen zusammenfassen. „Ich habe gekocht“, fügt sie etwas nüchterner hinzu. „Ich bin gefloooogen! Ich habe den Boden geputzt.“ Viertes Bild: Shantala Shivalingappa ist Pina Bauschs entzückende Schmuckinderin und beweist, von einer Lichtergirlande umwickelt, ihre außerordentlichen Fähigkeiten als Kathak-Tänzerin.

          Nichts passt so recht zusammen

          Alle vier Szenen hat natürlich Pina Bausch erdacht, so viel würde man erraten, auch wenn die Namen von der Redaktion geändert worden wären. Nicht aber, dass sie unbedingt in ein Stück gehören. Die Annahme, dass die Frauen den Männern mit ihrer Leidenschaft und Unbedingtheit immer Ärger machen, sie schlicht umwerfen mit ihrem andauernden Lieben, und der Witz mit dem kleinen Mann, der den starken, großen Frauen bloß in den Ausschnitt, nicht aber in die Augen schauen kann - könnten diese beiden Sequenzen nicht genausogut aus den späten siebziger Jahren stammen?

          Wild flattert das Haar: Eine Tänzerin während der Generalprobe
          Wild flattert das Haar: Eine Tänzerin während der Generalprobe : Bild: dpa

          Anspielungen auf das indische Liebes-, Kampf- und Intrigenkino, die Mantel- und Degenfilme von Bollywood kennt das europäische Theater seit sechs, sieben Jahren. Im neuen Stück von Pina Bausch, das wie so häufig wieder zur Premiere keinen Titel hatte, passt nichts so recht zusammen, und jedes Bild ist ganz schnell und einfach erzählt. Peter Pabst hat kein Bühnenbild gebaut, sondern ein paar weiße Stoffbahnen aufgehängt, die sich von der Windmaschine dekorativ aufblähen lassen und auf die mitunter Palmenwälder projiziert werden. Rätsel gibt an diesem Abend nur die spannungslose Zusammenstellung ohne inhaltliche Bezüge auf, nicht die Szenerie und nicht die einzelne Szene. Anekdoten kommen nicht vor, gespielte Witze fallen dieses Jahr so gut wie aus. Lachen ist nicht vorgesehen, Weinen allerdings auch nicht.

          Löcher in der Theaterluft

          Das neue Stück von Pina Bausch hat so gar keine Atmosphäre. Immer, wenn sich gerade aus einem der unzähligen Soli eine Stimmung zu entwickeln scheint, die länger als ein paar Takte zu halten verspricht, stellt sich das als Irrtum heraus. Das Stück will einfach nicht in Gang kommen, und die Musik erzeugt einen Gutteil der Ungeduld. Denn sie ertönt als fast ausnahmslos lauter, schwer identifizierbarer Weltmusikjazzpop, mal mit Schmusegesang, mal ohne. Pina Bausch gönnt dem Publikum so gar keine Unterbrechung dieser akustischen Banalitäten, und sie scheut sich nicht, zu diesen verwechselbaren Höllengeburten der internationalen Liga für die anspruchsvolle Schnulze auch noch stets kitschigere Soli zu choreographieren, vor allem für die Frauen. Als Gruppe dürfen sich die Tänzerinnen zu Boden werfen und, mit den Kiefern malmend, Löcher in die Theaterluft starren wie äsende Wildkühe in der hinterindischen Wildbahn.

          Man fasst es kaum - aber in der Pause legten sich einige von ihnen im Foyer nieder. Schlimmer sind eigentlich nur noch die Einzelauftritte der Tänzerinnen, bei denen sie die Arme werfen, meistens aber die langen Haare aus dem Gesicht streichen und die Röcke ihrer verschwenderisch stoffreichen Abendkleider raffen. Wenn das ein Mann choreographiert hätte, würden diese Tänze wohl nicht einfach als ästhetische Leckerbissen konsumiert. Wer das Wuppertaler Tanztheater heute sieht, kann sich nur wünschen, als Mann geboren zu sein, denn als Mann darf man wenigstens tanzen. Kommt man dabei an, wenn man eines Tages damit angefangen hat, Kampf und Unglück der Geschlechter auf die Bühne zu bringen?

          Wo bleibt Indien?

          Es fällt nach diesem Abend noch einmal schwerer, Pina Bauschs Werke der letzten Jahre sinnvoll zu deuten. Vertreter der während der Recherchereisen in Indien hilfreichen Goethe-Institute äußerten bei der Premiere die Vermutung, es wäre so wenig von Indien im Stück zu entdecken, weil es auch so ungeheuer schwer sei, bei der Darstellung dieses Landes Klischees zu vermeiden. Seltsam, wenn sich eine Choreographin, die sich so erkennbar und zur Strapazierung der Geduldsfäden ihres Publikums wiederholt und wiederholt, in Tänzen, in Filmprojektionen, in Kostümen, in der schamlosen, durch nichts mehr inhaltlich legitimierten Collagestruktur, seltsam, wenn eine solche Choreographin ausgerechnet das Prinzip vieler ihrer von fremden Ländern inspirierten Stücke fallenlässt.

          Gemeint ist die Technik, genau jene Klischees vorzuführen, über die alle lachen können. Denn damit lacht das Publikum nicht über Ungarn, Italien, Hongkong oder die Türkei, sondern über sich selbst. Aber, halten zu Gnaden, wir vergaßen, das Publikum soll nicht mehr lachen. Es soll nur noch Ehrfurcht erweisen. Das aber wäre allein dem Ritual gegenüber angemessen.

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