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Tanzen fürs Leben : Wozu Ballettunterricht?

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Konzentration, das Eintauchen in eine ästhetische Struktur: Ballett vermittelt viel mehr als nur rigide Disziplin Bild: Holger Badekow

Wie einfach lässt sich das Ballett auf rosa Tutus und strenge Frisuren reduzieren. Der leichtfüßige Sprung über dieses Vorurteil hinweg lohnt. Dafür sind Schüler dieser Kunst der beste Beweis.

          Alle kleinen Kinder tanzen gern. Kaum können sie stehen, fangen ihre Körper an zu wippen, sobald Musik erklingt. Erstaunte Eltern beobachten das schon, wenn noch gar keine Abbildungen von Ballerinen, Tutus, Spitzenschuhen, von Michael Jackson oder Fred Astaire Eingang ins kindliche Bewusstsein gefunden haben können. Die beste Reaktion darauf ist auch die lustigste: Man macht Musik an und tanzt mit dem Kind - freestyle. Einen Tag spielt man melancholische Songs von William Fitzsimmons, am nächsten den Blumenwalzer aus dem „Nussknacker“, „Haus am See“ von Peter Fox oder Bon Hiver oder etwas von Händel.

          Was aber, wenn das Kind diesem Vergnügen entwächst und „selbst“ tanzen möchte - „richtig“, weil es inzwischen Kenntnis hat von den attraktiven Accessoires, deren Gebrauch mit dieser Kunst verbunden ist, und den phantastischen Rollen, die ältere Tanzeleven spielen dürfen - von den Rangen im „Nussknacker“, den Schneeflocken, Zuckerbonbons, Clara und ihrem Bruder bis hin zu Dornröschen?

          Vom Glückspotential komplizierter Kulturtechniken

          In diesem Moment zögern viele deutsche Eltern. Darf ich mein Kind überhaupt in eine Ballettschule schicken? Wird es da nicht magersüchtig, wirklichkeitsfremd oder, falls es ein Junge ist, homosexuell? Nein, wird es dadurch nicht. Kriegt es Hüftschäden, ergibt die Welt nur noch aus einem rosa Trikot heraus betrachtet Sinn? Ist da nicht die mit „Freiem Tanz“ oder „Kindertanz“ überschriebene Variante unbedingt harmloser und deshalb vorzuziehen? Gewiss, man macht bestimmt nichts falsch, wenn man sein Kind in einen Unterricht schickt, in dem weniger klassische Musik benutzt wird; in dem mehr gehüpft, gerollt, gerannt, phantasiert, gespielt wird; in dem das Kind vielleicht stärker angehalten wird, „sich selbst auszudrücken“. Das schadet in den wenigsten Fällen. Allerdings machen Ballettschulen das in den Vorklassen für die Kleinsten auch nicht anders.

          Was den „freien Tanz“ angeht, gibt es nur ein Problem. Es könnte nämlich sein, dass das Kind nach einer Weile anfängt, sich zu langweilen. Dann sollte man ihm nicht vorenthalten, dass man mehr und anders tanzen lernen kann. Es gibt schließlich auch Fünfjährige, die gern Geige spielen oder andere komplizierte Dinge tun, lange Sätze bilden, ausgedachte Stücke aufführen, Bauwerke errichten und dergleichen. Mag das Kind Ballett und bleibt dabei und fühlt sich nicht unfrei, dann erwarten es außerordentliche Glückserfahrungen.

          Aufführungen in der Vorweihnachtszeit

          Der beste, eigentlich der einzige Grund, einen kleinen Menschen zum Tanzen anzuhalten, ist jene tiefe Befriedigung, die aus ihm resultiert, jenes überschäumende Vergnügen, das dem Ausübenden dieser Praxis erwächst - fast unabhängig davon übrigens, ob es sich um Hiphop, Steppen oder die Elfenkinder-Variation aus Balanchines „Sommernachtstraum“ handelt. Es ist die Erfahrung, sich souverän durch Raum und Zeit zu bewegen, im Einklang mit dem eigenen Körper, dem Geist, erfüllt vom seelischen Einschwingen in Musik, in eine ästhetische Struktur, eine ganze Welt aus Farben, Klängen, Gerüchen, Ideen, Aufregungen.

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          Wie aber stellen Eltern fest, welche Tanzschule vertrauenswürdig ist? Die Vorweihnachtszeit ist der ideale Zeitpunkt im Jahr, um die richtige Ballettschule zu finden. Denn ein gutes Institut lädt im Advent die Familien der Schüler und Freunde ein zu einer öffentlichen Aufführung, mindestens alle zwei Jahre. Legen Sie, wenn Sie die Schulen in Ihrer Nähe durchtelefonieren, freundlich auf, wenn Sie erfahren, dass es nichts gibt, wobei Sie zuschauen dürfen. Warum sind solche Aufführungen wichtig? Für die Kinder ist es eine wunderbare Erfahrung, mit anderen Schülern unterschiedlichsten Alters und Erwachsenen zusammen etwas zu erschaffen, das anderen Freude bereitet, sie überrascht, amüsiert, unterhält - und berührt. Sie selbst erleben sich in ihrem Tun auf der Bühne als in eine andere Welt versetzt, vielleicht in eine andere Epoche. Gemeinsam mit anderen können sie in eine andere Wirklichkeit eintreten, Teil einer anderen Sphäre, jener der Kunst, werden.

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