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Tanz : Somehow ...

  • -Aktualisiert am

Alan Barnes in einer Situation aus „Verse Converse” von Pascal Touzeau Bild: Günter Krämmer

„Forsome“, die Neuproduktion des Balletts Frankfurt ist ein facettenreiches Stimmungs- und Bewegungsbild zeitgenössischen Tanzes.

          2 Min.

          Forsythes Tänzer sind mehr als Tänzer. Auf der Bühne sind sie auch Sprecher, Darsteller und Sänger. Und immer wieder lädt der Intendant des Ballett Frankfurt Mitglieder seines Ensembles ein, eigene Choreographien in Szene zu setzen. So hatten an diesem Donnerstagabend unter dem gemeinsamen Titel „Forsome“ neben der neuen Arbeit Forsythes auch Stücke von Dana Caspersen, Alessio Silvestrin und Pascal Touzeau im Frankfurter Opernhaus Premiere.

          Die Arbeiten stehen in keinem thematischen Bezug zueinander, es verbindet sie der gemeinsame Anlass. Und eine Fülle feinster Korrespondenzen, vor allem in der Bewegungssprache und der Art der Stücke, Orte durch wenige Gesten zu skizzieren.

          Erinnern

          Vorn auf der tiefen, völlig nackten Bühne spricht der Tänzer Richard Siegal in Forsythes Eröffnungsstück „Woolf Phrase“ in ein Mikrophon, zitiert und paraphrasiert Virginia Woolf, die den Wellengang beschreibt, hinten tanzt Prue Lang möwengleich. Ab und zu stößt sie spitze Schreie aus oder markiert durch ihre Schritte die auf- und ablaufenden Wellen. Im Kopf des Zuschauers weitet sich gerade der Himmel über dem ewigen Strand, der Tänzer streunt schnüffelnd herum, bellt plötzlich. Die Möwe verstummt, und leise weht eine unterschwellige Aggressivität. „On The Beach“.

          Grasen

          Auch Caspersens „The Use Of“ lässt sich denken als die Suche nach dem gemeinsamen Entstehungspunkt von zwei Gegensätzlichkeiten: Vier Frauen tanzen teils auf Spitze zur sakral anmutenden Musik von Dmitri Yanov Yanovsky, teils - an Stammesverrichtungen erinnernd - zu brasilianischen Liedern. Und während das innere Auge des Betrachters die Bühne in warme Farben einer ihm fernen Welt taucht, begegnen sich schließlich in Choreographie und Musik die beiden Bewegungswelten. „Silence“ steht auf einem Leuchtschild über der Bühne. Am Ende verlassen die Tänzerinnen gemächlich die Bühne, auf allen Vieren, Knie und Ellenbogen durchgedrückt, mit der Anmut einer Herde grasender Tiere in der Savanne.

          Rascheln

          Alessio Silvestrins Arbeit „Frasi“ umfasst neben Choreografie und Sprechtext auch eine Komposition des Tänzers, eine außergewöhnliche Klangcollage. Zu Beginn begleiten zwei Klarinettisten fünf sehr aufeinander bezogene Tänzer live auf der Bühne. Die Musik bricht ab, und das Geräusch lauten Blätterns stört die Stille des sich fortsetzenden, hermetischen Tanzes. Die Geräusche erscheinen als Missgeschick der Musiker, die allerdings halten still, sie bewegen ihre Hände nicht. Tanz und Rascheln nähern, reiben, treiben sich. Leise der Atem der Tänzer im Kammerspiel unspektakulärer Zwischentöne.

          Schweben

          Kontrastiv dazu beschließt Pascal Touzeau mit seinem Stück „Verse Converse“ sphärisch-opulent die Nacht. Aus dem Unterboden der Bühne schreitet ein Tänzer eine Treppe empor, tut zwei majestätische Schritte und gleitet unversehens auf einer eingelassenen Rutsche gegenüber gleich wieder ins Jenseits hinab. „Distant Light“ heißt Peteris Vasks Konzert für Violine und Streichorchester und leicht, hell und sanft hält diese klassisch anmutende Choreografie ihre Tradition im Abstand. Leinwände senken sich, angestrahlt in den Farben eines Frühlingsregenbogens. Davor, dazwischen tanzen sieben Männer und Frauen, bedienen sich aus dem Formenvorrat des Balletts, als verkleideten sie sich damit. Ein androgynes Spiel auch mit Rollen. Es sind die Details an den Gesten, die das Stück funkeln machen. Ein Hauch von nicht wirklich heimlichem Strass an den Trikots. Die Bühne scheint zu schweben. Die Tänzer mit ihr. Das Publikum begeistert.

          Vier neue Arbeiten von vier Choreographen. Verwandt bei aller Unterschiedlichkeit, bei aller Eigenständigkeit im Einsatz von Körper, Raum und Klang. Im Vordergrund ein Kontrast, im Hintergrund eine Verbindung.

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