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Talente : Erste Schritte Richtung Zukunft

An diesem Montagabend werden in Berlin die „First Steps“-Awards des deutschen Kinos verliehen. Eine Hauptrolle spielt dabei das Fernsehen.

          Wer das deutsche Kino sucht, der landet bekanntlich meist doch im Fernsehen. Trotz Filmförderung und Fonds, trotz Koproduktionen und Eigenkapital, ohne das Geld der Sender gäbe es kaum bewegte Kinobilder. Das müssen bereits Filmhochschüler lernen, wenn sie einen Job oder Förderung suchen. Da ist es konsequent, wenn sich nicht nur Film-, sondern auch Fernsehproduzenten an den Filmhochschulen umsehen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit dem Jahr 2000 gibt es deshalb „First Steps - Der deutsche Nachwuchspreis“, eine Initiative von Sat.1, „Spiegel TV“, Mercedes-Benz, Constantin Film und der Berliner Film- und Fernsehproduktion teamWorx. „First Steps“ ist ein Wettbewerb der Abschlussfilme deutschsprachiger Filmhochschulen. Eine Fachjury begutachtet die Filme - 192 wurden in diesem Jahr eingereicht - und nominiert in den Bereichen Kurz- und Animationsfilme, Spielfilme bis sechzig Minuten, abendfüllende Spielfilme und Dokumentarfilme, jeweils fünf Beiträge. In diesem Jahr ist auch noch eine Jury für Werbefilme dazugekommen.

          Filme als Bewerbungsschreiben

          Gesucht wird nach der Zukunft des deutschsprachigen Films, die sich in der Handschrift der Nachwuchstalente zeigen möge. Selbstverständlich schadet es der Imagebildung nicht, wenn der eine oder andere Film schon ein paar Schritte vorausgeeilt und so jugendlich-überschwenglich gar nicht mehr ist. Iain Diltheys nominierter Film „Das Verlangen“ etwa gewann im August den Goldenen Leoparden beim Internationalen Festival von Locarno, und Florian Gallenberger erhielt für seinen „Quiero ser“ 2000 sogar einen Oscar für den besten Kurzfilm. Doch das sind die Ausnahmen, und mit den „First Steps“ haben sie nur insoweit zu tun, als die Juryvoten einander bestätigen.

          In den einzelnen Kategorien findet sich erwartungsgemäß Unfertiges, Experimentelles und Verspieltes neben eher stromlinienförmigeren Filmen, die schon wie ein Bewerbungsschreiben fürs nächste Projekt aussehen. Dabei ist es keineswegs entscheidend für die Qualität, ob eine Fernsehanstalt an der Finanzierung beteiligt war, wie es bei immerhin zwölf von zwanzig nominierten Arbeiten der Fall ist.

          Die asynchrone Frau

          Jörg Kalt aus Wien etwa hat sich bei „Richtung Zukunft durch die Nacht“ für das undankbare Sechzig-Minuten-Format entschieden, für das es im österreichischen Fernsehen keinen Sendeplatz gibt. Er habe lieber noch einmal „das geschützte Umfeld“ der Hochschule nutzen und etwas ausprobieren wollen, sagt der Fünfunddreißigjährige. Und so trifft ein argloser junger Mann auf eine „asynchrone“ Frau, die beispielsweise eine Flasche fallen lässt - doch das Geräusch des Aufpralls hört man erst ein paar Sekunden später.

          Weil sie ständig neben sich und neben der Zeit steht, taucht schon in der Mitte des Films der Abspann auf, und von da an geht's zurück - der Zeitpfeil kehrt sich um, die Songs und die Uhren gehen rückwärts, die Post hüpft wieder aus dem Kasten. Am Ende ist man am Anfang. „Die Liebe ist Sieger“, was sich natürlich auch rückwärts lesen lässt: „Rege ist sie bei Leid.“ Auch wenn der Film mit seinem Minibudget technisch nicht einlösen kann, was die irrwitzige Erzählidee verlangt, ist er einer der originellsten und amüsantesten Beiträge.

          Die Ausweitung der Kampfzone

          Und fast sieht es so aus, als setze das undankbare mittellange Format die interessantesten Ideen frei. Beryl Schennen, 30, hat eine Kurzgeschichte von Joyce Carol Oates adaptiert, an deren Verfilmbarkeit die Autorin selbst zweifelte. Der Bayerische Rundfunk hat sich schon in der Drehbuchphase an „die andere“ beteiligt, und die Zusammenarbeit sei „toll gelaufen“, sagt Schennen. „Die andere"“ wirkt karg und konzentriert. Ein verheirateter, gutsituierter Mann fährt widerwillig zu seinem sterbenden Vater und sieht im Heimatort eine Jugendliebe wieder, die sein Selbstbild erschüttert, indem sie seine Erinnerungen aufmischt. Schennen trifft den Short-Story-Ton mit erstaunlicher Sicherheit; sie erzählt nicht mehr und nicht weniger, als sich in 37 Minuten erzählen lässt.

          Auch bei Isabelle Stever war die Kooperation mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF unproblematisch, obwohl es kein Geheimnis ist, daß Fernsehredakteure sich oft für besonders schlau halten. Man hat Stever vertraut und bei minimalem Budget maximale Freiheit gelassen. „Erste Ehe“, das ist die Geschichte einer Nacht, das ist der Furor eines jungen Paares, auf dessen Beziehungsgefecht die Phrase von der Ausweitung der Kampfzone endlich einmal zutrifft. Die diplomierte Mathematikerin Stever ist mit neununddreißig Jahren eine der älteren Nominierten; aber auch sonst sind es nicht gerade die idealtypischen Repräsentanten der „Generation Golf“, die es zum Filmemachen treibt. Es gibt unter den Nominierten eine Härte und Entschiedenheit, einen Hang zu Molltönen und zu sozialen Themen, ohne dass damit gleich das Schreckgespenst des deutschen Problemfilms wiederkehrte.

          Ressource Aufmerksamkeit

          Natürlich sind sie alle von der Plattform „First Steps“ angetan, weil diese, abgesehen von der Dotierung der Preise mit bis zu 25.000 Euro, ein wenig von der knappen Ressource Aufmerksamkeit verspricht, weil sie für Kontakte in der Branche sorgt, die wiederum von dem Talentpool profitieren möchte. „Wir profitieren davon massiv, wir versuchen gezielt, mit Regisseuren weiterzuarbeiten“, sagt Nico Hofmann, Geschäftsführer von teamWorx, und verweist auf das Beispiel Stefan Krohmers, der 2000 mit seinem Abschlussfilm nominiert war, anschließend mit teamWorx das Fernsehspiel „Ende der Saison“ realisierte und dafür einen Grimme-Preis erhielt.

          Wer immer heute abend bei der großen Berliner Preisgala dem Staatsminister für Kultur die Hand schütteln darf, es wird keine grundfalsche Wahl sein. Gefragt sind danach vor allem die Sender wie Sat.1, die hoffentlich nicht beim zweiten Schritt ins Stolpern geraten, weil sie einen Nachwuchs fördern, dessen Arbeiten sie dann infolge von Quotenfixierung und Mainstreamwahn lieber doch nicht senden mögen.

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