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Taiwan : Die andere Kulturrevolution

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Die herausfordernde Pointe des Buchs ist, gegen das lautstarke Siegerpathos, das die Volksrepublik in ihrem Jubiläumsjahr verbreitet, Taiwan als „Land der Verlierer“ darzustellen - Verlierer allerdings, die im Lauf der Zeit gelernt hätten, statt auf nationale Triumphe auf universelle Werte Wert zu legen, auf den Frieden.

Überall, wo „China“ war, durfte jetzt nur noch „Taiwan“ sein

Man ermisst die Provokation dieses Blicks erst dann ganz, wenn man sie vor der Folie der taiwanischen Debatten der letzten Jahrzehnte betrachtet. Denn nach dem verordneten chinesischen Nationalismus der Kuomintang schlug das Pendel nach der Aufhebung des Kriegsrechts vor zweiundzwanzig Jahren allmählich in die entgegengesetzte Richtung aus. Als 2000 zum ersten Mal die Opposition, die Demokratische Fortschrittspartei, die Macht errang, unternahm Staatspräsident Chen Shui-bian nicht nur, sehr zum Verdruss Pekings, Schritte hin zu einer formellen Loslösung von China, er gab diesem politischen Willen zudem mit einer Kampagne Ausdruck, der zufolge Taiwan auch kulturell keineswegs chinesisch sei, vielmehr im Lauf seiner Geschichte eine ganz eigenständige Identität aus den Traditionen der Eingeborenen, der Zuwanderer und der Kolonisatoren ausgebildet habe.

Mit wachsender Geschwindigkeit wurde ins Werk gesetzt, was taiwanische Kritiker heute eine „kleine Kulturrevolution“ nennen: Schulbücher wurden umgeschrieben, staatliche Behörden umbenannt, überall, wo „China“ war, durfte jetzt nur noch „Taiwan“ sein. Die Fokussierung auf die Geschichte Chinas, mit der die Kuomintang ihren Machtanspruch unterstrichen hatte, wurde durch ein forciertes Herausstreichen der Eingeborenenkulturen ersetzt.

Die freieste, reichste und vielfältigste Stadt

Zunehmend polarisierte sich die Gesellschaft, die doch in ihrem Bestehen auf eigenständiger Selbstbestimmung einig war, und Präsident Chen verlor, auch wegen der Korruptionsvorwürfe gegen ihn, rapide an Popularität. Der neue Präsident Ma Ying-jeou von der 2008 wieder gewählten Kuomintang schlägt nun versöhnliche Töne gegenüber Peking an, und auch er untermauert das mit kulturellen Gesten: Bei Zeremonien zu Ehren von Konfuzius oder des Gelben Kaisers, des mythischen Ahns aller Chinesen, führt er demonstrativ den Vorsitz.

Lung Ying-tai wirft diesen Pendelausschlägen vor, immer nur einen Ausschnitt der Geschichte im eigenen Interesse für das Ganze auszugeben. Die Kultur werde als Ideologie benutzt, der man immer neue Farben aufträgt, so hatte sie schon früher geschrieben; stattdessen müsse es darum gehen, den „großen Strom der Kultur“ selbst kennenzulernen. Taiwan sollte also zu all seinen Widersprüchen, zu den gegensätzlichen Erfahrungen seiner einzelnen Bevölkerungsgruppen stehen. Aber: „Wir sollten weiterhin mit China über die Kulturhoheit streiten.“ Die chinesische Kultur, die ja im Lauf ihrer Geschichte mindestens so sehr von den Dissidenten wie von den Herrschenden ausgebildet worden sei, habe sich in Taiwan ungebrochener erhalten können, sowohl in ihrer volksreligiösen Ausprägung als auch in der Tradition der modernen „Vierten-Mai-Bewegung“ von 1919; Taipeh sei die freieste, reichste und vielfältigste Stadt in der chinesischsprachigen Welt.

Eine überwältigende Mehrheit sieht sich heute als Taiwaner

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