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Tagung in Tartu : Liebling, wo sind die Kartoffelkeime?

Joseph Brodsky und Michael Bachtin fanden in Estland traumhafte Verhältnisse vor: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung erforscht auf ihrer Reise nach Tartu die Erinnerungsorte eines uralten Volkes.

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          An Aljoscha entzündete sich der Streit, der direkt auf die Schlachtfelder von Erinnerung und Identität führte und Estland, dieses kleine Land hoch hoben am äußersten Zipfel der Ostsee, bis heute spaltet. Aljoscha, der Soldat mit den traurigen Augen, der bis vor ein paar Jahren im Zentrum der Hauptstadt Tallinn stand, kennt jedes Kind. Seine Statue wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Russen als Symbol der Befreiung vom Nationalsozialismus errichtet - und verkörperte seither für die Esten ganz etwas anderes, nämlich ein halbes Jahrhundert sowjetischer Besetzung. Es dauerte ein paar Jahre, bis die Republik, die sich 1992 singend befreit hatte, den ungeliebten Krieger aus dem Zentrum an die Peripherie verfrachtete. Immerhin auf einen Soldatenfriedhof, doch die Erniedrigung war enorm, und die Kämpfe zwischen Polizei und Angehörigen der russischen Minderheit, die ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, blutig. Als es Tote gab, schickte der Präsident eine SMS an alle Esten: „Ruhe bewahren!“.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Wie angespannt die Ruhe im multikulturellen Estland bis heute ist, entging auch den Mitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung nicht, die zu ihrer Frühjahrstagung ins estnische Tartu gereist waren. Schriftsteller wie Ursula Krechel, Jan Wagner und Wladimir Sorokin, Verleger wie Thedel von Wallmoden und Wissenschaftler wie Norbert Miller und Ernst Osterkamp diskutierten darüber ebenso wie über die Frage, wie es den Esten, die über die Jahrhunderte hinweg fremden Mächten ausgeliefert waren, gelang, sich durch ihre eigene Sprache und Kultur zu behaupten.

          Dieses Beharrungsvermögen zeigt sich kaum irgendwo deutlicher als in der Universitätsstadt Tartu. Immer aufs Neue musste das einstige Dorpat von deutschbaltischen, schwedischen und russischen Baumeistern errichtet werden, nachdem es immer aufs Neue von schwedischen, polnischen, russischen und deutschen Truppen verwüstet worden war. Nur für die Esten änderte sich kaum je etwas: Sie haben vor allem gearbeitet, gehungert, gefroren. „Sag mir Liebling, was haben die Kartoffelkeime / in unserem Keller im Sinn“, dichtete in den Sechzigern mit fataler Ironie Paul-Eerik Rummo über die unfreie Kellerexistenz seiner Landsleute in ewig kalten Wintern.

          Längst haben die internetverrückten Esten, die heute ein Grundrecht auf kostenlosen Netzzugang haben und auf Erfindungen wie „Skype“ stolz sind, die höheren Stockwerke im Hause Estland erklommen, und auch von eisigen Temperaturen kann keine Rede sein. Zumindest nicht an diesem Pfingstwochenende mit überraschend hochsommerlichen Temperaturen, die den Autoren und Professoren den Schweiß auf die Stirn treiben, und in Tartu massenhaft Studenten bis spät nachts auf die Straßen lockten. Einige tragen Uniform. Es fände gerade ein Treffen der Burschenschaftler statt, heißt es zur Erklärung. Und doch befremdet der Anblick, gerade hier, gerade wegen der deutsch-estnischen Geschichte. Denn dieselbe Historie, die, wie es Akademiepräsident Heinrich Detering in Tartu formuliert, „sich in der einen Perspektive wie eine interkulturelle Begegnungsstätte zeigt, sieht in der anderen aus wie ein autoritär regierter Gutshof“.

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