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Tagung in Marbach : Vom Gurlitt-Clan und den Buddenbrooks

  • -Aktualisiert am

Oder um seinen Bruder Hildebrand, den Vater von Cornelius dem Letzten, der, ebenfalls wegen der jüdischen Großmutter und wegen seines Engagements für die moderne Kunst sein Amt als Leiter des Hamburger Kunstvereins verlor, um dann bekanntlich zu einem der führenden Kunsthändler der Nazis aufzusteigen. Und schließlich zum gemeinsamen Cousin Wolfgang (1888- 1965), der sich, nachdem er vor dem Ersten Weltkrieg die Berliner Galerie seines früh verstorbenen Vaters übernommen und vor allem die moderne, später als „entartet“ verfemte Kunst gefördert hatte, ebenfalls eifrig am Handel mit NS-Raubkunst beteiligte. Wobei man darüber auf dieser Tagung kaum etwas erfuhr.

Ein Schatz an Bildern

Stattdessen wurde im Zusammenhang mit Wolfgang Gurlitts Kunsthandlung in den frühen Jahren ein kleiner Schatz enthüllt. Im Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte nämlich, kurz: Bildarchiv Foto Marburg, schlummerte bis vor kurzem ein kaum beachteter Bestand von etwa 700 Glasplattennegativen. Insgesamt 1500 hatte Gurlitt im Jahr 1937 übergeben, nur die Hälfte davon war bisher in der Datenbank des Archivs verzeichnet. Die neuentdeckten Aufnahmen zeigen nicht nur bisher unveröffentlichte Bilder der ausgesprochen luxuriös, modern und mit reichlich Kunst ausgestatteten Berliner Wohnung des offenbar recht exzentrischen Kunsthändlers. Sie liefern, zusammen mit den bereits bekannten, auch einen umfassenden Einblick in den Bestand seiner Sammlung und Galerie, Geschäftsbücher nämlich haben sich vermutlich nicht erhalten. Auf den meisten Platten des Gesamtbestandes sind einzelne Kunstwerke zu sehen, darunter Gemälde, Skulpturen, Textilien, außereuropäische Masken und Figuren. Mehr als 200 Arbeiten von Pechstein wurden fotografiert, andere stammen von Corinth, Munch, Thoma, Kirchner, Böcklin oder Liebermann. Nach Angaben der Kunsthistorikerin Sonja Feßel, die den Bestand wissenschaftlich aufarbeitet, entstanden die Aufnahmen schon vor 1927. Hinweise auf NS-Raubkunst im Besitz Wolfgang Gurlitts werden hier also nicht zu finden sein.

Für die Provenienzforschung ist der Bestand dennoch von großem Wert, da viele dieser Werke, besonders Skulpturen, Textilien und die außereuropäischen Arbeiten, noch gar nicht identifiziert sind. Andere wiederum, die man eindeutig zuordnen konnte, meistens Gemälde und die Stücke, auf denen eine Signatur zu erkennen ist, gelten heute als zerstört oder verschollen. Wer also auf der Suche nach Spuren eines solchen Werkes ist, könnte demnächst in der digitalen Datenbank des Bildarchivs fündig werden, wo nach und nach Scans aller rund 1500 Platten verfügbar gemacht werden sollen.

Auf ein Gurlittsches Familiennarrativ verständigte man sich unter den Forschern auch nach zehn Vorträgen nicht. Was vielleicht auch daran lag, dass eine breite Diskussionsgrundlage fehlte. Mancher Referent hatte sich sehr mit Details und wenig mit größeren Zusammenhängen beschäftigt. So blieben die einzelnen Fallgeschichten weitgehend eben bloß dies; Bezüge zueinander, Gemeinsamkeiten oder Kontinuitäten müssen erst noch ermittelt werden. Die Geschichte dieser Gelehrtendynastie ist noch lange nicht geschrieben.

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